Worte statt Taten: Überlegungen eines Historikers zur Geschichte

20.12.2014
04/2014
  • Fokus

Beim Reden über Geschichte herrscht Erklärungsbedarf. Schaut man genauer hin, birgt der nachlässige sprachliche Umgang mit Geschichte durchaus Gefahren. Gefahren, denen man begegnen kann.

«Immer wieder gebraucht man das Wort ‹Geschichte› sowohl für das, worüber man schreibt, wie für das Schreiben selbst. Die Verwirrung ist gross.» Nehmen wir uns den Satz von Norbert Elias zu Herzen und fragen wir uns: Wo und wie zeigt sich diese Verwirrung? Was steht hinter ihr? Was tun, um sie zu vermeiden?

Doppeldeutigkeit

Viele Historiker haben die schlechte Gewohnheit, Geschichte doppeldeutig zu definieren: sowohl als ein Geschehen als auch die Erforschung dieses Geschehens, als eine Sache und die Kenntnis von ihr. 

Dementsprechend schwankt auch die alltägliche Verwendung des Wortes. Manchmal steht es – wie es sein sollte – für die Produktionen der Historiker, öfter noch braucht man es aber für die von ihnen beschriebene oder zu beschreibende Realität. Man redet dann metaphorisch vom Lauf, Gang oder Strom der Geschichte, von ihrem Beginn und ihrem Ende, ihrer List und Last, ihren Abgründen und dunklen Stellen, ihren Wunden und Narben, ihrer inneren Kraft. Man sagt, Geschichte müsse befragt, aufgearbeitet und an die Hand genommen werden; Geschichte vollziehe sich und spiele sich ab; sie sei schwer aufzuhalten, breche sich Bahn, gehe über uns hinweg; man werde ihr Opfer, und wer aus ihr nichts lerne, sei verdammt, sie zu wiederholen.

Vom Geschichtsglauben

Was steht hinter dem Abgleiten von den Worten der Historiker zu den Taten unserer Vorfahren? Nichts weniger als dass die «Geschichte» als transzendente Instanz zur Erklärung des Weltgeschehens an die Stelle oder Seite Gottes (und des Schicksals) getreten ist. Die Bestimmung des modernen Menschen wurde «enttheologisiert» und «historisiert», der Gottes- durch den Geschichtsglauben ersetzt. Doch um aus der Geschichte einen Glaubensinhalt zu machen, muss man sie sakralisieren. Diese Sakralisierung manifestiert sich auf diverseste Weise: in Form von Archiven, Museen, Denkmälern und Erinnerungsorten; von Jubiläen, Gedenktagen, Säkularfeiern, Reenactments und living history; von Rekordversuchen, Erst-, Letzt- und Einmaligkeiten, von Vergangenheitsbewältigung, Ursprungs- und Herkunftsnarrativen.

Der Geschichtsglauben ist Ausdruck mythischen Denkens; Geschichte als Wissenschaft hingegen gehört in den Bereich des rationalen Denkens. Äussern sich Historiker an Gedenkanlässen, sollten sie nicht vergessen, dass ihre profanen Feststellungen in einem sakralisierten Raum stehen, ihr rationaler Diskurs auf geheiligten Boden fällt und ihm die Vereinnahmung droht.

Wissenschaft des Werdens

Doch worüber reden denn Historiker? Geschichte lässt sich als die Wissenschaft des Werdens definieren: des Werdens der Menschheit und von menschlichen Gesellschaften, der Pflanzen und der Tierwelt, der Erdatmosphäre, der Erdkruste und des Erdinnern, von Sonnensystemen und Galaxien. Historiker haben somit die Aufgabe, Veränderungen zu beschreiben und zu erklären. Historische Kenntnisse, mit aktuellen verknüpft, erlauben uns, etwas über die Wahrscheinlichkeit von zukünftigen Veränderungen auszusagen. Sie lassen uns erkennen, dass Dinge anders sein können, insofern sie anders waren. Historisches Wissen hilft uns, zu beurteilen, ob diese oder jene Veränderung möglich und wünschbar ist oder nicht; es schärft unser historisches Bewusstsein. 


Dr. Norbert Furrer

(Jg. 1951) hat Geschichte, Linguistik und Russisch in Lausanne und Moskau studiert. Er ist Lehrbeauftragter für Schweizer Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Bern und hat u.a. veröffentlicht: Das Münzgeld der alten Schweiz (1995), Die vierzigsprachige Schweiz (2002), Was ist Geschichte? (2003, 22007), Vade-mecum monétaire vaudois (2011), Des Burgers Buch: Stadtberner Privatbibliotheken im 18. Jahrhundert (2012), Geschichtsmethode: Eine Einführung für Humanhistoriker (2014).