Wenn das Augenlicht fehlt

20.12.2017
04/2017
  • Fokus

Nichts oder fast nichts sehen können – eine ungemütliche Vorstellung. Von Christian Niederhauser, Direktor der Blindenschule Zollikofen, erfuhr ich, wie vielfältig die Herausforderungen für Sehbehinderte und Blinde sind und wie die Schule diesen begegnet.

Herr Niederhauser, wir sitzen hier im Bistro, dem wöchentlich angebotenen Mittagstisch, der von einer Schülergruppe betreut wird. Die Jugendlichen, die hier servieren, bewegen sich völlig sicher zwischen den Tischen, servieren und räumen ab. Sind sie wirklich sehbehindert?

Ja, alle. Auch mit wenig Restsehvermögen lernen Kinder, sich im Raum sicher zu bewegen. Die grösseren Schwierigkeiten liegen immer im Nahbereich.

Was bedeutet das?

Kinder mit einer Sehbehinderung sind im schulischen Alltag verlangsamt, weil ihnen die Gesamtsicht fehlt. Sie müssen sich Bruchstücke zusammensetzen, während Normalsichtige das Ganze auf einen Blick erfassen können. Bei uns lernen die Kinder, dies mit geeigneten Hilfsmitteln und Strategien so weit wie möglich auszugleichen.

Was lernen Sehbehinderte und Blinde in Ihrer Schule?

Sie erarbeiten einerseits den normalen Schulstoff, den jedes Kind in der Schweiz lernen muss. Dafür erhalten sie einen Zeitausgleich, das heisst, sie können sich zehn oder elf Jahre Zeit nehmen dafür. Zusätzlich gibt es ein spezielles Curriculum für Sehbehinderte. Dieses soll die Kinder zur Selbstständigkeit befähigen und wenn möglich so weit bringen, dass sie es später schaffen, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Was umfasst dieses Curriculum?

Grundsätzlich geht es dabei um Kompensationsstrategien, d.h. um Techniken, wie man das Manko bei der Sehkraft auf geeignete Weise kompensiert. Da die Sehbehinderungen sehr unterschiedlich sind, muss beim spezifischen Curriculum intensiv auf jedes Kind individuell eingegangen werden. Wichtig ist zunächst der Bereich Orientierung und Mobilität, bei dem Kinder lernen, eine Vorstellung zu entwickeln, wo und in welcher Umgebung sie sich befinden, sich darin zurechtzufinden und sicher zu bewegen. In diesem Bereich wird auch ausserhalb der Schule, z.B. im Verkehr geübt, allenfalls auch mit dem weissen (Lang-)Stock. Weiter werden lebenspraktische Fähigkeiten, die für die Bewältigung des Alltags nötig sind, unterrichtet. Dabei lernen die Kinder, alltägliche Tätigkeiten wie essen, anziehen usw. selbst zu bewältigen und dabei das fehlende oder reduzierte Sehen mit dem Einsatz anderer Sinne wie Gehör und Tastsinn zu kompensieren. Der Bereich Low Vision enthält zunächst eine genaue Abklärung des Restsehvermögens und in der Folge vor allem die aktive Anleitung und Förderung, diesen Sehrest bestmöglich zu nutzen, sowie das Bereitstellen von optimalen Hilfsmitteln. Wenn ein Kind ein zu geringes Restsehvermögen hat oder völlig blind ist, wird es in der Punktschrift unterrichtet, die nach ihrem Erfinder auch Brailleschrift genannt wird. Diese besteht aus in Punktmuster umgesetzten Buchstaben, die mit dem Finger als Erhöhungen zu ertasten sind. In der Schweizerischen Blindenbibliothek stehen zahlreiche in Brailleschrift umgesetzte Bücher zur Verfügung. Und einen immer grösseren Platz nehmen digitale Hilfsmittel ein, deren Gebrauch an unserer Schule intensiv geübt wird. In diesem Bereich stehen wir alle vor der Herausforderung, mit der Entwicklung Schritt zu halten und immer auf dem neusten Stand zu sein. Da sprechen wir von blindenspezifischer Software wie Sprachausgabe, Braillezeile am Computer, Vergrösserungsmöglichkeiten, barrierefreie Websites usw.

Aus Ihrer langjährigen Erfahrung mit sehbehinderten Kindern und Jugendlichen: Was ist ihre grösste Herausforderung?

Für Sehbehinderte ist der Sozialkontakt sehr stark erschwert, da ihnen der ganze nonverbale Teil der Kontaktaufnahme verwehrt bleibt. Egal, wo Sie sind, Sie sehen die Menschen in Ihrer Umgebung, erkennen, ob sie männlich oder weiblich, jung oder alt, eher offen oder eher abweisend sind. Vielleicht ist Ihnen jemand sympathisch, vielleicht kommt es zu einem Blickwechsel, und Sie sprechen diese Person an. Und wenn Sie jemanden ansprechen müssen, suchen Sie sich die Ihnen am ehesten zusagende Person aus. Blinde haben all diese Informationen nicht, sie sind gezwungen, aufs Geratewohl jemanden anzusprechen. Sie müssen immer den ersten Schritt machen. Und wenn sie das nicht tun, kommt es zu gar keinem Kontakt. Die Gefahr der Vereinsamung ist bei Sehbehinderten immer vorhanden. Dem beugen wir vor, indem wir in der Schule viel Wert legen auf den Aufbau einer guten Sozialkompetenz. Und natürlich muss auch in der Familie in diesem Bereich – wie auch bei allen anderen – aktiv mitgeholfen werden.

Wie sollen wir Sehbehinderten begegnen?

Am besten ganz normal, denn das sind Menschen wie Sie und ich. Sprechen Sie sie an und fragen Sie, wenn Sie das Gefühl haben, dass sie Hilfe brauchen. Was sie nicht brauchen können, ist Mitleid.

Herzlichen Dank, Herr Niederhauser, für das Gespräch!


Blindenschule Zollikofen

Christian Niederhauser ist seit elf Jahren Direktor derBlindenschule Zollikofen. Diese unterrichtet gut 80sehbehinderte Schüler, davon 40 mit Mehrfachbehinderungen.Die Schule bietet zudem rund 80 KleinkindernUnterstützung in der Familie, und Lehrer derBlindenschule betreuen 200 Kinder direkt in derVolksschule. Die Blindenschule, seit 1961 in Zollikofen,ist Tagesschule und Internat mit betreuten Wohngruppen.Die öffentliche Ausstellung «anders sehen» gibt Einblick in die Welt von Sehbehinderten.Weitere Infos unter www.blindenschule.ch