Vernetztes Lernen

20.09.2015
03/2015

Kennen Sie das Schulfach Gestalten? Unter den früheren Bezeichnungen Handarbeiten oder Werken bestimmt! Der Fachbereich hat sich in den letzten Jahren jedoch rasant weiterentwickelt und den aktuellen Bedürfnissen von Wirtschaft und Gesellschaft angepasst. Seit bald 130 Jahren setzt sich der Verein lernwerk bern dafür ein, dass die Fachlehrpersonen am Ball bleiben.

Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich von Neuem inspirieren zu lassen. In letzter Zeit zeigt sich aber auch wieder ein Trend, selber tätig zu werden und Eigenes von Hand zu kreieren: zum Beispiel eine Mütze selber zu häkeln, ein Regal nach eigenen Bedürfnissen zu zimmern oder ein Gartenobjekt mit Beton zu giessen. Kinder sind fasziniert, einen kleinen Roboter selber zu bauen und die Programmierung dazu zu verstehen. Fachmagazine zu solchen Themen schiessen wie Pilze aus dem Boden und konkrete Anleitungen können zuhauf auf Youtube angeschaut werden. Genau diesem Bedürfnis trägt das Fach Gestalten Rechnung. lernwerk bern bietet dafür geeignete Weiterbildungen für Gestaltungslehrpersonen und Gestaltungsinteressierte an (siehe Infokasten).

Mehr als Stricken und Hämmern

Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen im Fach Gestalten geht aber weit über Stricken, Hämmern und Zeichnen hinaus: Die Lehrpersonen holen ihre Schülerinnen und Schüler bei ihren Themen und Bedürfnissen ab und führen sie zu vernetztem Denken und praktischem Lernen.Ein Beispiel: Wie viele Kilometer legt eine Jeans vom Baumwollproduzenten bis in unseren Kleiderschrank zurück? Und welche Stationen durchläuft sie auf dieser Reise? Diese Frage haben sich die Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse im Schulhaus Rebacker in Münsingen kürzlich gestellt. Im Voraus sammelten alle Jugendlichen ausgemusterte Jeans. Auf einer Weltkarte haben wir dann die verschiedenen Produktionsstätten der Hosen eingezeichnet und uns mit den Herstellungsschritten auseinandergesetzt. Dabei sind zahlreiche Fragen aufgekommen, denen wir uns anschliessend widmeten:

– Wo wird so viel Baumwolle angepflanzt?

Wie leben diese Bauern in Afrika, in Indien oder den Südstaaten von Amerika?

– Wie wird aus der gepflückten Baumwolle ein Stoff gemacht? 

– Warum gelangen immer noch so viele Schadstoffe aus den Färbereien in die Flüsse?

– Weshalb müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter in China oder Bangladesch zu so schlechten Lohnbedingungen arbeiten?

– Weshalb müssen Kinder arbeiten?

– Wer verdient wie viel an einer Hose? 

Aus alldem ist eine Ausstellung für das ganze Schulzentrum entstanden. Rund um die Weltkarte dokumentierten die Neuntklässler mit Bildern und Mustern die spannende Geschichte der Jeans. Etwa wie Levi Strauss im Jahr 1847 aus dem blauen Stoff aus der Gegend von Nîmes (Denim) eine stabile Hose für die Goldgräber in Amerika entwickelte.Unsere Jeanssammlung inspirierte zudem zu Nähprojekten. Eine Klasse erhielt die Aufgabe, aus den schönen Stücken etwas Neues herzustellen. So entstanden Rucksäcke, Jupes, eine Jacke, Kuscheltiere, eine Kissenrolle und schicke Taschen.Die schadhaften Hosen zerschnitten wir zu Bändern, die dann später auf kleinen Webstühlen zu einem Stoff gewoben wurden. Aus dem Stoff in den verschiedensten Blaunuancen werden jetzt noch Kissenbezüge für Lesekissen in der Schulbibliothek genäht.Während des ganzen Projekts haben die Jugendlichen nicht nur Nähen oder Weben gelernt und viel über wirtschaftliche Zusammenhänge erfahren. Sie haben auch ganz grundsätzliche Kompetenzen geschult, wie theoretisches Wissen anwenden, gesunden Stolz entwickeln, Zeit einteilen, reflektieren, scheitern, planen, experimentieren, Ausdauer üben, wahrnehmen, sorgfältig arbeiten oder fantasieren. Das ist zeitgemässes, vernetztes Lernen im Fach Gestalten. Und übrigens: Die Jeans, die bei Ihnen im Kleiderschrank hängt, hat während ihres Entstehungsprozesses 50000 bis 100000 Kilometer zurückgelegt. 


wurde 1886 gegründet und bietet seither Weiterbildungen für Lehrpersonen an. Vor 25 Jahren hat sich der Verein ausschliesslich auf den Bereich Gestalten konzentriert und spielt damit eine wichtige Rolle im bernischen Lehrerweiterbildungssystem. Daneben gibt es ein offenes Kursangebot, von dem alle am Gestalten interessierten Personen profitieren können. lernwerk bern zählt rund 2000 Mitglieder und gibt zusammen mit der Stämpfli AG viermal jährlich das Fachmagazin «mitgestalten» heraus. www.lernwerkbern.ch