Matschzwerge im Glück

20.06.2016
02/2016
  • Fokus

Der Wald als Erlebnis-, Entwicklungs- und Bildungsraum für kleine Kinder: Im Wald können Kinder nach Herzenslust Abenteuer erleben. Mit Holz, Erde, Stein, Feuer und Wasser experimentieren. Wind und Wetter trotzen. Tieren und Pflanzen begegnen. Dass sie dabei mehr lernen als sonst irgendwo, kümmert die Kleinen nicht. Die Wissenschaft hingegen schon.

Der dreijährige Robin liegt in Regenzeug eingepackt im Buggy draussen vor der Wohnungstür. Ein tiefer Mittagsschlaf hat ihn fest im Griff. Sein Gesicht ist lehmverschmiert, ebenso die Hände, ja eigentlich der ganze Bub. Er ist gerade aus der Waldspielgruppe zurück, und die Eltern gönnen ihm die Ruhe.Der Vormittag in der Natur hat Robin einiges abgefordert. Da galt es zunächst, den Weg zum Waldplatz zurückzulegen. In einem Leiterwagen hatten die beiden Spielgruppenleiterinnen den Znüni, Reservekleider und trockenes Feuerholz dabei. Aber wirklich vorwärts kam niemand. Zuerst wollten alle über den langen Baumstamm balancieren. Dann mussten die vielen Raupen beim Brennnesselfeld bestaunt werden. Robin fand neben dem Weg einen immer noch ­grösseren und schwereren Stock. Schliesslich halfen alle acht Spielgruppenkinder beim Schleppen mit. Und bis der Stock endlich über das Bächlein gehievt war ... Überhaupt, der Bach – Robin konnte nicht genug davon kriegen, Steine hineinzuwerfen und die nassen Spritzer im Gesicht zu spüren. Doch dann – da qualmte doch beissender Rauch? Eine Leiterin hatte Feuer gemacht und Tee gekocht.

Janine Weber, IG Spielgruppen Bildung

Lernen für das (Über-)Leben

Wissenschaftler aus Hirnforschung und Psychologie haben herausgefunden, dass Abenteuer wie die von Robin vielschichtige ­Lernerfahrungen beinhalten, die so nur in der Natur möglich sind: Ein Kind schult gleichzeitig den Gleichgewichtssinn, entwickelt ein Gefühl für seine Kraft, erfährt etwas über die Beschaffenheit von Wasser, Stein und Holz, es beobachtet ökologische und physikalische Zusammenhänge. Weiches Moos, spitze Tannennadeln, knackende Äste, kühle Bachkiesel, der Duft von morschem Holz, ein rutschiger Erdhang, Wind, Regen und Sonnenstrahlen auf der Haut: Alle Sinne sind weit offen. Für unsere jagenden und sammelnden Vorfahren war das selbstverständlich, denn ihr Überleben hing davon ab. Sie mussten andauernd lauschen, riechen, tasten, beobachten.

Im Gehirn finden auf diesem Weg unzählige Verknüpfungen statt. «Die Möglichkeit, in einer unstrukturierten, natürlichen Umgebung der eigenen Neugier und Experimentierlust zu folgen, ist gerade für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren enorm wichtig. Sie holen sich dabei, was sie für ihre Entwicklung gerade brauchen, und machen Lernschritte im für sie genau richtigen Tempo», sagt Janine Weber, zuständig für den Fachbereich Natur und Wald bei der IG Spielgruppen Bildung. «Wichtig ist, dass wir Erwachsenen die Kinder gewähren lassen, sie achtsam begleiten und nur bei Bedarf eingreifen.» Wie gut das den kleinen ­Matschzwergen tut, lesen wir am Ende eines Waldspielgruppentages in ihren müden, aber glücklichen Augen.


IG Spielgruppen Schweiz

Im einzigen Kompetenzzentrum (seit 30 Jahren) rund um Spielgruppen vereinen wir Fachwissen und Erfahrung sowie neuste wissenschaftliche Erkenntnisse unter einem Dach. Als Profis im Vorschulbereich fördern wir Profis: mit einem breiten Bildungsangebot (u.a. der Ausbildung zur diplomierten Waldspielgruppenleiterin), mit Fachpublikationen, pädagogischen Grundlagen, ausgesuchten Materialien, einer Fachzeitschrift für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung und anderem mehr. Als Bildungspartnerin unterstützen wir Kantone, Gemeinden und Integrationsfachstellen. Das Kind mit seinen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt all unserer Bildungsangebote.Besuchen Sie uns: www.spielgruppe.ch