Lebensbalance

20.09.2017
03/2017
  • Fokus

Rund 50 Mitarbeitende waren der Einladung zu einem aussergewöhnlichen Nachmittag gefolgt. Sie erfuhren dabei viel Persönliches und wurden zum Überdenken der eigenen Situation angeregt. Im Fokus standen vier Persönlichkeiten. Sie alle haben in ihrem Leben eine einschneidende Veränderung erfahren, aber die Umstände, die dazu führten, waren bei jeder Person anders. Gilbert Kurmann und Anita Weyermann wurde sie von ihrem Körper, von ihrer Gesundheit aufgezwungen, Peter Stämpfli und Jean-Paul Klauser hingegen vollzogen den Richtungswechsel aus eigenem Antrieb.

Gilbert Kurmann

Den Ruhestand nach 45 Jahren Stämpfli ­aktiv geniessen? Das war der Wunsch ge­wesen, die Umsetzung sah anders aus. Ein gutes Jahr nach der Pensionierung erlitt Gilbert einen Hirnschlag, der ihn praktisch sämtlicher Fähigkeiten beraubte, die es braucht, um den Alltag selbstständig zu bewältigen. Doch trotz grosser Verzweiflung arbeitete er sich mit eisernem Willen, viel Motivation und riesiger Ausdauer ins aktive Leben zurück. Heute, nach zweieinhalb ­Jahren, ist Gilbert wieder selbstständig und aktiv, fährt Auto und Bike und kann für sich sorgen. Auch wenn die Bewältigung des Alltags oft noch sehr viel Kraft, Energie, Beharrlichkeit und persönliche Motivation erfordert. Ihm gebührt grosse Achtung ­dafür, wie er diese riesige Herausforderung in seinem Leben gemeistert hat und noch immer meistert.

Anita Weyermann

Ruhig sitzen war für Anita Weyermann schon als Kind fast unmöglich; oft konnte einzig ein in Aussicht gestelltes Trainingsverbot sie dazu bringen, sich zu fügen. Sie war damals noch nicht aufs Laufen fixiert, es gab doch so viele Sportarten, und alle machten Spass. Ihre frühen Erfolge im Laufen liessen sie dann aber bald auf einer Erfolgswelle reiten, die nur hin und wieder etwas gebremst wurde. Und wenn sie mal eine Niederlage einstecken musste oder verletzt war, dann kämpfte sie sich eisern wieder nach vorn. Doch mit der Zeit verweigerte sich ihr Körper dieser Belastung, und sie musste einsehen, dass die Zeit des Spitzensports ein Ende hatte.

Sie zog sich vom Spitzensport zurück, und hatte es früher geheissen: «Gring abe u seckle», so lautete das Motto bald: «Gring abe u wickle», wuchs doch die Familie innerhalb von 22 Monaten um vier Personen. Denn nach der ersten Tochter meldeten sich Drillinge an, und so ist Anita Weyermann nun mindestens so sportlich unterwegs mit Familie, selbstständiger Tätigkeit, Mitarbeit beim Radio Beo und natürlich auch heute noch mit viel Sport, nur ohne Wettkämpfe. Und ja, das Ruhigsitzen ist noch heute kein Teil ihres Alltags.

Jean-Paul Klauser

Jean-Paul Klauser hatte mitten in einer Bankenkarriere gestanden. Allerdings war er über die Jahre bei der CS immer tiefer in eine Lebensart hineingeraten, die er so nicht fortsetzen konnte und wollte. Er hatte das Spiel vom gegenseitigen Imponieren, Auftrumpfen und Vormachen jahrelang mitgespielt, wurde dabei aber immer unzufriedener und unglücklicher.

Deshalb zog er die Notbremse. Zunächst ver­wirklichte er seinen Bubentraum und lernte Lastwagen fahren. Er gab seinen Job bei der Bank auf, machte dann allerdings schnell die Erfahrung, dass kaum jemand auf einen ehemaligen Banker gewartet hatte.  Er orientierte sich neu, suchte sich Tätigkeiten, die ihn erfüllten und ihm etwas zurückgaben. Diese Kehrtwende kostete und kostet bis heute sehr viel Zeit und Kraft, der neue Weg ist auch jetzt noch nicht einfach, und er erfordert vor allem eines: Mut. Jean-Pauls Lebensqualität und seine Lebensfreude sind jedoch massiv gewachsen.

Peter Stämpfli

Peters Wunsch, die Geschäftsführung und so den operativen Teil der Führungsarbeit abzugeben, entstand allmählich, und auch die Umsetzung geschah nicht von heute auf morgen. Zum einen wollte Peter die Firma weniger abhängig von seiner Person machen, und zum andern hatte er das Bedürfnis, selbst mehr Raum für strategische Aufgaben zu gewinnen. Dies veranlasste ihn zu diesem Schritt. Intensive Gespräche mit Familie, mit engen Vertrauten und in der Geschäfts­leitung über die geplante Veränderung waren ihm wichtig. Dass er und die Geschäfts­leitung bald dieselbe Person als Geschäftsführer im Visier hatten, erleichterte den Wechsel massgeblich.

Auch heute hält Peter seinen Entscheid für richtig. Seither hat er mehr Zeit für anderes, insbesondere die Firmenstrategie, die Unternehmenskultur und die Netzwerkorganisation, für seine Familie und  nicht zuletzt auch für sich persönlich.


Was tun?

Grosse Veränderungen im Leben brauchen Zeit und vor allem Mut. Wer spürt, dass sein Leben nicht mehr im Lot ist, sollte zunächst herausfinden, was ihm wichtig ist. Er sollte sich fragen, auf was für ein Leben  er im Alter zurückblicken möchte.

Was im Rückblick nicht stimmig wäre, sollte er zu ändern versuchen. Nicht immer ist alles machbar,  man sollte aber nicht vorschnell sagen: «Daran kann man nichts ändern.» Man tut sich selbst keinen Gefallen, wenn man einer Veränderung aus Bequemlichkeit oder aus Angst vor Neuem aus dem Weg geht. Manchmal muss man mit kleinen Schritten beginnen, erst mal kleine Veränderungen anstreben. Ideal ist es, wenn man sich in regelmässigen Abständen Zeit nimmt, um die eigene Situation zu hinterfragen, sich überlegt, wie zufrieden man mit seinem Lebensweg ist oder was anders sein sollte. Dann kann man rechtzeitig Veränderungen aufgleisen, Kurskorrekturen vornehmen, ohne gleich das ganze Leben umzu­krempeln. Ganz  wichtig, wenn sich Veränderungen abzeichnen, ist auch, dass man im engeren und weiteren Umfeld das Gespräch sucht. Dass man sich Rat und Unterstützung holt  – bei Leuten, die diese Veränderungen mittragen sollten, bei solchen, die Ähnliches durchgemacht haben, oder bei solchen, die einen konkret unterstützen könnten.