Leben im Social Jetlag – erholen Sie sich noch

20.06.2015
02/2015
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Möglicherweise kennen Sie von einer vergangenen Ferienreise das Phänomen Jetlag, als auf einem Langstreckenflug über mehrere Zeitzonen Ihr Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinandergekommen ist. Doch was bedeutet Social Jetlag? Darüber und wie Sie Ihren persönlichen Schlafbedarf ermitteln können, gibt der Schlafmediziner Jens G. Acker Auskunft.

Seit gestern ist es amtlich. Im Land der Uhrmacherkunst wird geschafft, gewerkelt und geleistet. Erholung hat keine Lobby, die Pharmaindustrie schreibt schwarze Zahlen, und 8 von 100 Menschen brauchen Pillen, um abschalten zu können. Fast ein Viertel der Bevölkerung berichtet von Problemen beim Einschlafen oder Durchschlafen – erstaunlich hohe Zahlen, die im Rahmen der Schweizer Gesundheitsbefragung 2012 erhoben wurden. Besonders interessant hierbei ist die höhere Lebensqualität, die gute Schläfer angeben. 

Was ist dem Schweizer Schlaf zugestossen?

Unser Schlafverhalten hat sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert. Noch im späten Mittelalter wurde ein früher und ein später Schlaf gepflegt. In der Pause zwischen den vierstündigen Schlafblöcken besuchte man die Nachbarschaft, erzählte sich Geschichten oder widmete sich einem Nachtgebet – hierfür stand eine ganze Reihe von Gebetsbüchern zur Verfügung.

Die nächtliche Mussestunde fand ein jähes Ende: T.A. Edison erfand die Glühbirne. Mit der Verbreitung des künstlichen Lichts wurden immer mehr Aktivitäten in die Abendstunden verlegt, die Industrialisierung nahm Fahrt auf. Mit immer mehr Arbeit und Tagesbetrieb fehlte die Kraft für die Plauderstunde in der Nachbarschaft. Durchschlafen wurde zum Heiligen Gral – und eine Verkürzung der unnützen Schlafenszeit zur modernen Geissel. Wir sparen uns die Nachtruhe, verlieren unseren Lebensrhythmus im Takt der Maschinen und Prozessoren.

Die Schlafdauer ist in allen westlichen Kulturen auf dem Rückzug. In den letzten 30 Jahren haben wir über eine halbe Stunde Schlaf verloren. Wir passen unseren Schlaf an den gesellschaftlichen Takt an – ohne Rücksicht auf unseren persönlichen Schlafbedarf und Lebensrhythmus.

Joachim Ringelnatz

Social Jetlag

Haben wir uns erst an Schlafarmut gewöhnt, sendet unser Körper leider keine Warnsignale mehr. Die Warnlampe für Schlafmangel hat Mutter Natur nicht für nötig befunden. So kann es schleichend zu einem chronischen Schlafmanko kommen. Einbussen bei Konzentration und Gedächtnis sind die Folge, Lernerfolge können schlechter abgesichert werden. Erst bei fortgeschrittenem Mangel nehmen wir Schläfrigkeitskrisen im Alltag wahr. Dass wenig und schlechter Schlaf nicht nur ein Unfall-, sondern auch ein Gesundheitsrisiko darstellt, wird immer klarer. Social Jetlag ist eine Lebenstatsache geworden. Wir leben gegen unsere innere Uhr – arbeiten lange, treffen uns mit Freunden, treiben Sport – und schlafen werktags zu kurz. In der Hoffnung, den Schlaf am Wochenende schnell nachholen zu können. Als Faustregel gilt: Können wir am Wochenende zwei Stunden länger schlafen als werktags, sind wir mit einem Schlafmanko unterwegs. Am besten bestimmen Sie ihre ideale Schlafmenge in einem 14-tägigen Urlaub mit Ausschlafmöglichkeit.

Den Takt der inneren Uhr kann man unter www.euclock.org mithilfe eines kurzen Fragebogens selbst bestimmen. 


Dr. med. Jens G. Acker, MBA

Schlafmediziner – Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, Chefarzt in der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach (Hilfe bei Schlafstörungen ambulant, online, stationär). Chronotyp: Lerche