Heimat

11.12.2020
04/2020
  • Fokus

Heimat ist etwas Emotionales, etwas Individuelles. Was jeder und jede unter Heimat versteht, unterscheidet sich sehr. Ganz bestimmt aber halten sich Leute gerne in der Altstadt von Bern, Luzern oder Lausanne auf oder besuchen das Schloss Chillon oder die Therme in Vals.

 

Viele betrachten die Schweiz als ihre Heimat, ohne dass sie jeden Winkel des Landes kennen. Wird aber an einer Stelle ein Hochhaus errichtet, das neben der Silhouette einer Kathedrale aufragt, dann fühlen sich nicht nur die Bewohner der Stadt mit der mittelalterlichen Kathedrale betroffen, sondern Menschen weitherum.

 

Heimat im Alltag ist der Raum der Vertrautheit und Leichtigkeit, bevölkert mit bekannten Gesichtern und Geschichten, täglich begangene Wege, bekannte Abfahrtszeiten von Bus und Zug, Silhouetten der umgebenden Berge, Geräusche wie das Mittagsläuten der Pfarrkirche. Und natürlich die Bauten, in denen wir wohnen, arbeiten, einkaufen und zwischen denen wir uns tagtäglich bewegen.

 

Heimat und Haus im Speziellen sind ein Paar: Gebäude als dritte Haut nach der eigentlichen Haut und den Kleidern. In und zwischen den Häusern, dem öffentlichen Raum von Quartier, Dorf und Stadt, spielt sich das Leben ab, das private und das öffentliche Leben. Veränderungen rund um ihren Lebensmittelpunkt werden von sehr vielen, aber nicht von allen Menschen aufmerksam beobachtet und kommentiert.

Vom liebevollen Übernamen für ein neues Haus bis zur Einsprache durch alle Instanzen reichen die Extreme der Anteilnahme an Veränderungen, seien es geplante Bauvorhaben oder Neubauten.

In der Paarung von Haus und Heimat ist auch enthalten, dass Häuser die Heimat bekannter Persönlichkeiten oder Ereignisse waren. Tafeln an den Häusern geben darüber Auskunft und bezeugen damit auch einen erweiterten, immateriellen Begriff von Heimat: In diesem Haus wohnte diese oder jene Person, die die Aare so schön besungen oder «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» geschrieben oder die erste Ärztin der Schweiz war. Das Schloss Rapperswil ist nicht nur Teil der Heimat der Bewohner Rapperswils, sondern auch der Bürger Polens, denn in diesem Schloss befindet sich seit 1870 das erste «nationale» Museum Polens, und es wird aus diesem Grund bis heute von vielen Polinnen und Polen besucht.

 

Bern

Hallau, Schaffhausen

Erlenbach im Simmental

Erlenbach im Simmental

Zumeist verändert sich Heimat schleichend, sie verändert sich jeden Tag ein bisschen. Hier ein neuer Strassenbelag, dort ein neuer Anstrich, ein neues Haus, ein Baum weg, ein neuer Baum gepflanzt, was von der Mehrheit meist nur halbbewusst wahrgenommen wird. In vielen Fällen ist die Sache sowieso klar, eine Parzelle in einer Bauzone wird überbaut, damit musste gerechnet werden. Verstösst ein neues Gebäude aber gegen die üblichen Gepflogenheiten, erhält es unverzüglich einen meist witzigen Übernamen, wie das Beispiel eines leuchtend orangen Hauses zeigte: Es erhielt den Namen «Stabilo Boss.»

 

In der Schweiz standen 2016 etwa 75 000 Bauten unter Schutz, davon sind 10 Prozent Sakralbauten. Die geschützten Bauten sind bei der Bevölkerung beliebt. Nach Konzerten und Museen steht der Besuch von Baudenkmälern an dritter Stelle. Das Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS umfasst heute1274 Objekte, in der Regel Dauersiedlungen mit mindestens zehn Hauptbauten, aber auch kleinere Baugruppen.

 

Ein wichtiger Akteur in der Bewahrung von Baudenkmälern und geschützten Ortsbildern ist der Schweizer Heimatschutz. Einerseits weckt er mit Publikationen zu Bauten und Ortsbildern die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für ihren Wert, andererseits verfügt er über das Verbandsbeschwerderecht und kann deshalb Beschwerde führen gegen Abbrüche von geschützten Bauten oder gegen Neubauvorhaben in geschützten Ortsbildern. Mit der Stiftung «Ferien im Baudenkmal» kann der Schweizer Heimatschutz am konkreten Beispiel zeigen und den Tatbeweis erbringen, dass aus einem alten, oft baufälligen Gebäude ein bestens bewohnbares Haus mit viel Charme werden kann und gleichzeitig ein Stück Heimat erhalten bleibt.

 

Was wir heute bauen, ist die Heimat von morgen. Dass dies für alles heute Gebaute gilt, darf bezweifelt werden. Deshalb setzt sich der Schweizer Heimatschutz auch für eine hohe Qualität bei Restaurierungen und Neubauten ein, dies im Bewusstsein um die lange Zeit, welche diese bestehen werden.

Die Coronazeit hat vielen Leuten die Schönheiten der Schweiz nähergebracht und damit wohl den Begriff Heimat mit Bildern und Inhalten bereichert. Tragen wir Sorge dazu!