Es war einmal eine Druckerei…

15.06.2021
02/2021
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222 Jahre. So lange ist die Familie Stämpfli schon im Geschäft. Eine Firmengeschichte geprägt von Erfolgen, mutigen Frauen, die über sich hinauswachsen, aber auch von Krankheit und harten Kriegsjahren. Kurz: all das, woraus Netflix eine packende Historienserie machen würde.

Was kann ein Sommer in der Erinnerung nicht alles sein? Ewig, romantisch, ein Verhelfer zum Aufbruch. Und manchmal kann ein Sommer sogar die Weichen für einen ganzen Werkplatz neu stellen. 1799 muss ein solcher Sommer in Bern gewesen sein. Damals steht ein junger Mann, Gottlieb Stämpfli, vor seinem neuen Eigentum: den drei hölzernen Handpressen an der Postgasse in Bern. Kurz zuvor, am 19. August, hat ihn die Berner Verwaltungskammer zum neuen «obrigkeitlichen Drucker» ernannt. Damit ist der erst 29-Jährige neuer Besitzer der Druckerei, die es schon seit 1599 gibt. Vor allem aber ist er der erste Vertreter der Familie Stämpfli, die das Geschäft auch fünf Generationen später immer noch lenken wird.

 

Ob Gottlieb Stämpfli geahnt hat, was er hier gerade lostrat? Vermutlich drehen sich damals seine Gedanken um weit Alltäglicheres: Wie kriege ich hin, was die Berner Behörden alles von mir verlangen? In deren Auftrag druckt er in den ersten Jahren alles, was seine Pressen hergeben: politische Erlasse, Schulbücher, die Bibel. Später, mit dem Wegfall der staatlichen Privilegien, geht drucktechnisch eine neue Welt auf. In der Stämpflischen Buchdruckerei, so der damalige Firmenname, gibt es wohl kaum etwas, das nicht durch die Pressen gelaufen wäre – zeitweilig sind es sogar Postmarken und Banknoten. Und noch viel später wird daraus ein modernes Kommunikationsunternehmen. Wie konnte das bloss passieren?  

 

Frühe Frauenpower

Dass es so kam, wie es heute ist, hat natürlich mit den Menschen zu tun. Nicht zuletzt mit Menschen, die zur richtigen Zeit beherzt eingreifen. Eine erste grosse Weichenstellung war bereits 1807 nötig. Damals verstirbt Gottlieb Stämpfli mit nur 37 Jahren und acht Jahre nach der Geschäftsübernahme. Seine Witwe, Marie Albertine Stämpfli, übernimmt. In der Folge verliert sie das staatliche Druckprivileg an Konkurrent Albert Haller. Dieser überlässt ihr dagegen ein anderes Privileg, das sich später besonders auszahlen sollte: jenes auf den Druck der historischen Kalender. Darunter ist der «Hinkende Bot», eines der ältesten Verlagswerke überhaupt und viele Jahre wichtige Einkommensquelle von Stämpfli. Bis heute erscheint er alljährlich im hauseigenen Verlag.

Die Geschichte mit dem frühen Hinscheiden der Firmeninhaber wiederholt sich noch zweimal. Zweimal, in denen wiederum die Witwen in die Bresche springen. Als besonders prägende Figur erweist sich Emma Stämpfli-Studer. Sie leitet die Druckerei nach dem Tod ihres Mannes Karl Stämpfli ab 1894. «Sie war eine waschechte Unternehmerin, auch wenn man das damals nie so gesagt hätte», sagt Peter Stämpfli, Urenkel von Emma Stämpfli-Studer. Vermutlich habe sie die Geschicke der Firma schon zu Lebzeiten ihres Mannes mitverantwortet.

 

Die Schlüssel zum Erfolg

Unternehmerfiguren, die Einsatz leisten – und wissen, wie man andere an sich bindet. Das ist einer der Erfolgsfaktoren von Stämpfli. «Es ging immer schon darum, Menschen zu kennen und miteinander zu verknüpfen», so Peter Stämpfli. Ein Talent, das besonders dem genannten Unternehmerpaar Karl und Emma Stämpfli aus der dritten Generation beschieden war. Nicht wenige dieser alten Geschäftsbeziehungen halten bis heute. Etwa jene zum Schweizer Alpen-Club (SAC), die schon 1871 entstanden. Die Mobiliar und der Schweizerische Feuerwehrverband sind weitere mehr als 100 Jahre bestehende Kontakte. Auch der Kanton Bern zählt wie zu den Anfängen immer noch zu den Kundinnen und Kunden.

Der andere wichtige Baustein für den Erfolg: Stämpfli bleibt immer am Puls der Zeit. Das zeigt sich schon 1846, als 14 Pferdefuhrwerke die erste Schnellpresse nach Bern liefern. Eine echte Revolution, welche die gemächlichen Handpressen ablöst. In der Folge baut Stämpfli jenen anderen Bereich aus, der für die Gruppe heute nicht mehr wegzudenken ist: den Verlag. 1909 erscheint erstmals der Vorläufer des heutigen «Berner Kommentars». Jurisprudenz und Stämpfli Verlag entwickeln sich fortan zum unzertrennbaren Doppel. Reihen wie der «Berner Kommentar» entwickeln sich zu Standardwerken und sind aus der heutigen Gerichtspraxis nicht mehr wegzudenken. Früh stellt der Verlag seine Weichen für eine digitale Zukunft: Bereits in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts entstehen E-Produkte und Plattformen mit juristischen Inhalten. Dazu gehört auch eine namhafte Beteiligung an Swisslex (Schweizerische Juristische Datenbank AG). Seit vielen Jahren verzeichnet auch die Sparte Sachbücher schöne Erfolge.

 

Gebäude Hallerstrasse 7–9 in der Länggasse in den 1960er-Jahren

Der Setzereisaal im 2. OG im Bleizeitalter. Gut zu erkennen sind die Setzkästen und die damals üblichen Schurze, die die Setzer zu tragen hatten.

Das Gebäude Hallerstrasse 7–9 vom Malerweg (im Vordergrund) aus aufgenommen. Vor dem Gebäude verläuft hier noch der Druckereiweg, der mit dem Anbau von 1970 verschwand.

Neuer Haupteingang nach dem grossen Umbau von 1970 mit dem neuen Würfellogo.

Neue Ausrichtung

Die mehr als 200-jährige Geschichte zeigt jedoch: Trotz einem gut ausgebauten Verlag und später einer Abteilung für Buchgestaltung – der Fortschritt passierte meistens entlang neuer Druckverfahren. Das war auch vor rund 30 Jahren noch nicht anders. Da ist Stämpfli im Kern immer noch eine Druckerei. Die sechste Generation um Peter und Rudolf Stämpfli setzt die Weichen schliesslich gänzlich neu. 1996 setzen sie die neue Strategie um: Im Gleichschritt mit der Digitalisierung geht Stämpfli dorthin, wo die Kundinnen und Kunden entscheiden, was sie überhaupt wollen – an den Anfang der Wertschöpfungskette. «Uns war klar, dass wir handeln müssen», so Peter Stämpfli. «Mit alleinigem Fokus auf die Druckerei wären wir sehr bald austauschbar geworden.» In der Folge etabliert sich Stämpfli als umfassendes Kommunikationsunternehmen. Bereit, die Welt der Kommunikation für viele weitere Jahre zu prägen. Und bereit, falls Netflix doch noch anklopft.