«Eine Szene zum Leben erwecken»

10.11.2021
  • Fokus

Bei Design denken die meisten an visuelle Gestaltung. Doch auch im Tonbereich ist das Formen des Materials, hier des Klangs oder des Geräusches, entscheidend. In der Audio Post Production können Holzklötze sogar Wesen zum Leben erwecken – die Profis der Bluebox Tonstudios in Burgdorf erklären, wie es geht. 

Ein Rascheln in der Schachtel, Musik setzt ein – hat da eben ein Baby geweint? Dann hört man, wie mit Holzklötzen klackernd Türme gebaut werden, zwei Pferde wiehern, ein Elefant trötet, und zum Abschluss des Spots tickt eine Uhr. So klingt der neuste Imagefilm der Firma Naef Spiele. Aus schlichten Holzteilen entsteht darin eine Figur, die durch die Welt des Spielzeugsortiments führt. «Damit diese Figur tatsächlich lebendig erscheint, braucht es das passende Sound-Design», erklärt Martin Lehmann. Der Geschäftsführer der Bluebox Tonstudios gründete, nachdem er Erfahrungen als Radiotechniker, DJ und Musikproduzent gesammelt hatte, im Jahr 1996 gemeinsam mit Beat Moser eine eigene Firma. Heute, 25 Jahre später, befindet sich die Bluebox in einem ehemaligen Bankgebäude gegenüber des Museum Franz Gertsch in Burgdorf. Und produziert von hier aus alles, was das Ohr begehrt – von der Telefonansage über den Museumguide bis hin zum Dok-Filmton.

Die Botschaft des Klangs

Sound-Design wird schlicht als «kreative Arbeit mit Klängen und Geräuschen» definiert. Martin Lehmann formuliert es so: «Man kann den Sound in jede Richtung formen. Höher, länger und sanfter oder doch tiefer, kürzer und mächtiger?» So entstehe das Design und schliesslich die Botschaft des Klangs. Der bekannteste Anwendungsbereich von Sound-Design ist der Film. Für die beste Filmmusik wird ein eigener Oscar verliehen – so auch für den besten Ton. Denn für die Emotionen, die ein Film bei den Zuschauenden auslöst, sind die Geräusche ebenso wesentlich – von der Aufnahme bis zum finalen Mix. Auch in reinen Audioproduktionen wie Radiospots, Hörspielen oder Podcasts ist das Sound-Design ein wichtiger Pfeiler. Oder beim Audiobrandig von Marken, beispielsweise SRF Meteo, Migros oder Swisscom. Joachim Budweiser, Produktionsleiter bei den Bluebox Tonstudios, sagt es so: «Sound-Design bedeutet, einer Szene Leben einzuhauchen – egal, in welchem Medium.»

Drachen, Avatare und Stop-Motion

Doch was macht ein gutes Sound-Design aus? Herausforderungen gibt es laut Joachim Budweiser verschiedene: «Ganz wichtig ist dabei, nicht zu viel zu machen!» Wie in der Grafik der Leerraum sei die Stille im Sound-Design ein tragendes Gestaltungselement. Dazu komme das Bewusstsein dafür, dass ein Audioprodukt nie eine genaue Abbildung der Welt sei. «In einem Film muss nicht jedes sichtbare Element vertont werden – ein gezieltes Sound-Design konzentriert sich auf die wesentliche akustische Botschaft.» Neben dem realistischengebe es noch den ganzen Bereich des kreativen Sound-Designs, also dasjenige für fantastische Welten und Animationen mit Wesen wie Drachen, Avataren und Co. oder auch für Stop-Motion-Filme und Zeitrafferaufnahmen. «Das ist das wirklich Coole am Sound-Design: Man kann Welten schaffen, die es noch gar nicht gibt!», erklärt der Produktionsleiter.

Das Handwerk der Tongestaltung kann grob so zusammengefasst werden: Man nimmt entweder vorgefertigtes Tonmaterial, etwa das Brüllen eines Löwen oder das Rauschen einer Dusche, aus einer Geräuschdatenbank – oder man produziert dieses Material selbst. Für den Spot von Naef Spiele etwa hat das Bluebox-Team stundenlang Holzklötze auf einem Tisch im Tonstudio herumgeschoben, gestapelt und neu arrangiert, bis das ganze Spektrum an Geräuschen aufgezeichnet war. Danach beginnt die Weiterverarbeitung am Computer, an einer spezialisierten Digital Audio Workstation (DAW). «Die Tonhöhe, das Timing, die Räumlichkeit – die Möglichkeiten der Nachbearbeitung sind unendlich», sagt Joachim Budweiser. «Nehmen wir zum Beispiel die Holzstadt im Naef-Film, die sich in Windeseile wie von Geisterhand auf- und abbaut. Die natürlichen Holzgeräusche mussten dafür so bearbeitet werden, dass der Ton die mechanische Bewegung im Bild perfekt untermalt.» Über einem Sound-Design würden die Arbeitsstunden nur so verfliegen, meint Joachim Budweiser. Denn der genau richtige Klang sei entscheidend: «Ein gutes Sound-Design funktioniert wie Musik – es lenkt die Emotionen der Zuhörerinnen und Zuhörer auf einer unbewussten Ebene.»