Der Zug der Vögel

12.03.2021
01/2021
  • Fokus

Auch viele Vögel sind regelmässig auf der Reise, wenn auch aus anderen Gründen als wir Menschen. Warum denn, und wie machen die das?

Die Vogelzüge, wie wir sie heute kennen, sind wohl im Wesentlichen ein Ergebnis der letzten Eiszeit bzw. von deren Rückzug. Als Folge der damaligen Klimaerwärmung konnten viele Vogelarten in neue, nahrungsreiche Siedlungsgebiete in Europa vorstossen, in denen sie nur wenige natürliche Feinde vorfanden. Sie waren jedoch gezwungen, in der kalten Jahreszeit wieder nach Süden auszuweichen, da das Nahrungsangebot im Winter zu gering war, um während der kurzen Tage ausreichend zu fressen.

Viele Vögel fliegen deshalb jeden Herbst südwärts, um im Frühjahr zum Brüten wieder zurückzukommen. Dabei genügt es einigen Arten, wenn sie in Südeuropa oder im Mittelmeerraum längere Tage und somit genügend Zeit für die Futtersuche vorfinden, während andere Arten erst südlich der Sahara oder gar noch weiter im Süden haltmachen. So bleibt etwa die Ringeltaube als typischer Kurzstreckenzieher in Südeuropa, während die Mehlschwalbe, ein Langstreckenzieher, viel weiter, teilweise gar bis nach Südafrika fliegt.

Nicht wenige Vogelarten überwintern sogar in unseren Breitengraden, weil es ihnen in Nord- und Osteuropa zu kalt ist.

Reiserouten

Die Flugrouten sind unterschiedlich, je nach Ausgangspunkt, Vogelart und Reiseziel. Die Vögel vermeiden jedoch in der Regel grössere Strecken über dem Meer, sodass «Landrouten» wie Spanien–Gibraltar–Marokko, Italien–Sardinien–Tunesien oder Balkan–Türkei bevorzugt werden. Die Vögel richten sich unterwegs nach den Sternen und der Sonne, um die Flugrichtung zu bestimmen. Vor Ort orientieren sie sich dann an topografischen Merkmalen, die sie sich als Jungvogel eingeprägt haben.

Unter den Zugvögeln gibt es typische Tagzieher, das sind vor allem Greifvögel und Störche, die als Gleitflieger warme Luftmassen brauchen. Häufiger sind jedoch vorwiegend oder ausschliesslich in der Nacht fliegende Arten. Sie sind so besser geschützt vor Hitze, Jagd und Fressfeinden. Die Lichtflut unserer Zivilisation wird für sie jedoch zunehmend zum Risiko.

Aufbruch

Wenn im Spätsommer die Tage kürzer werden, verändert sich der Hormonhaushalt der Vögel, sie werden unruhiger und beginnen, sich Reserven anzufressen. Bei den Kurzstreckenziehern macht das zwischen 13 und 25 Prozent des üblichen Körpergewichts aus, bei den Langstreckenziehern gar 50 bis 100 Prozent. Diese Reserven sind für den langen Flug überlebensnotwendig. Dasselbe gilt im Frühjahr natürlich auch für den Rückweg, auf den jeweils unmittelbar die anstrengende Brutzeit folgt.

Rückkehr

Vögel, die im Mittelmeerraum überwintern, kehren üblicherweise früher zurück als die Langstreckenzieher. Sie sind auch flexibler, wenn es um den Zeitpunkt der Rückreise geht. Infolge der Klimaerwärmung kehren die Vögel heute tendenziell früher zurück als noch vor 30 Jahren. Und auch das Wetter kann den Fahrplan etwas verschieben, allerdings meist nur um wenige Tage.

Da die Langstreckenzieher in dieser Hinsicht nicht so beweglich sind, kann es sein, dass sie allmählich gewisse für sie wichtige Insekten verpassen, die sich dem Klimawandel anpassen und früher im Jahr ihren Höhepunkt haben. Mittelfristig wird es wohl auch da zu einer Anpassung kommen, aber das braucht seine Zeit.

Es kommt zudem vor, dass Vogelarten infolge der Erwärmung irgendwann darauf verzichten, im Winter wegzuziehen. So galt etwa die Amsel von 100 Jahren noch als Zugvogel, ist jetzt aber den ganzen Winter über bei uns zu beobachten.

Die Zugvögel legen den Rückweg meist deutlich schneller zurück als den Hinweg, denn wer zuerst im Brutgebiet ankommt, kann die besten Brutreviere besetzen. Es fliegen auch nicht alle Arten auf demselben Weg zurück, wie sie hingeflogen sind.