Bremsklotz oder Schutzschild?

20. März 2020
01/2020

Unseren Hemmungen gelingt es regelmässig, uns zu ärgern. Doch eigentlich sind sie gar nicht so problematisch, wie wir denken. Nicht selten schützen sie uns sogar. Wohin Hemmungen führen können und ob sie zu- oder abnehmen – das erfahren Sie hier.

Noch 30 Sekunden, und ich muss auf die Bühne. Ein Glas Wasser wäre jetzt gut. Mein Mund fühlt sich plötzlich trocken an. Was hat der Auftrittscoach Patrick Rohr empfohlen? Augen zu, fest auf dem Boden stehen und tief durch die Nase einatmen. Gut zu wissen, dass auch Profis vor jedem Auftritt nervös sind. Und schliesslich spornt mich Adrenalin zu Höchstleistungen an. Natürlich kann ich das, wäre ja gelacht.
Noch 10 Sekunden. Wie bin ich nur auf die dumme Idee gekommen, ein Lied zu singen? Ich hätte mir doch etwas viel Einfacheres aussuchen können. Einmal ins Publikum winken wäre auch nicht verkehrt gewesen. Jetzt fühlen sich doch tatsächlich meine Hände etwas feucht an. Wenn das nur gut kommt … Es geht los – raus ins Scheinwerferlicht … Wie lautet schon wieder die erste Zeile des Songs?

Der alltägliche Begleiter

In der Ausstellung Schweinehunde und Spielverderber erleben die Besucherinnen und Besucher Hemmungen am eigenen Leib. Der Auftritt auf der Bühne ist so was wie die prototypische Situation dafür.
Oft brauchts aber deutlich weniger: ein unangenehmes Gesprächsthema, die unerwartete Nähe einer fremden Person im Lift oder einfach nur jemanden abzuweisen und deutlich Nein zu sagen. Hemmungen sind ein Alltagsphänomen – sie begleiten uns ungefragt durchs Leben und tauchen mit penetranter Regelmässigkeit auf.
Das ärgert uns. Denn meist erleben wir sie als negativ und möchten sie möglichst schnell loswerden. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Nicht selten erfüllen Hemmungen auch einen guten Zweck. Sie schützen uns vor peinlichen Fehltritten, und sie sind eine Grundvoraussetzung fürs Zusammenleben. Eine Gesellschaft ohne Hemmungen ist gar undenkbar. Es gäbe in kürzester Zeit Verletzte und Tote, wenn die Hemmungen bezüglich Gewalt, Macht und Sex wegfallen würden.
Wie sollen wir nun also Hemmungen einordnen? Am einfachsten versteht man sie als innere Bremse. Das ist im Grundsatz weder positiv noch negativ. Vielmehr sind Hemmungen eine zuverlässige Schutzfunktion des Menschen – sie lassen uns innehalten, und wir denken zumindest kurz darüber nach, ob wir auf dem richtigen Weg sind.
Das erleben wir dann manchmal als frustrierend – etwa wenn dadurch unser Schwung gebremst wird vor einem grossen Auftritt. Oft dürfen wir aber auch froh sein über diese Bremsfunktion, weil sie uns vor etwas bewahrt, was wir später bereuen würden. Oder weil sie uns vor Übergriffen anderer schützt.
Diese Momente fallen allerdings weniger auf, und wir bringen sie nicht direkt mit Hemmungen in Verbindung: Dass in einer hitzigen Diskussion nicht gleich die Fäuste fliegen, hat aber durchaus mit Hemmungen zu tun.

Hemmungen fühlen sich überall wohl

Interessanterweise gibt es Hemmungen in allen Gesellschaften. Allerdings zeigen sie sich in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten und je nach Kombination der Personen in sehr unterschiedlicher Ausprägung.
Unterhalten wir uns beispielsweise mit Kollegen, fällt auch mal ein flotter Spruch. Stösst die Chefin dazu, haben wir plötzlich Hemmungen. Kein Wunder, verärgern wir sie, kann das Folgen haben: kein Bonus, Probleme beim Umsetzen des nächsten Projekts oder sogar eine Entlassung. Unsere Hemmungen schützen gleichzeitig aber auch die Position der Chefin: Wenn sie von Angestellten offen kritisiert wird, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.
Das kann auch problematisch werden: Am 1. Dezember 1993 berührt ein kleines, zweimotoriges Propellerflugzeug im Anflug auf einen Flughafen im US-Bundesstaat Minnesota Baumkronen und stürzt ab. Alle 18 Personen an Bord sterben. Die Unfallermittler finden heraus, dass einer der Gründe für den Absturz das autoritäre und schroffe Verhalten des Kapitäns ist. Der junge Co-Pilot wagt nicht, ihm zu widersprechen und ihn auf die zu geringe Flughöhe aufmerksam zu machen.
Bei einem Blick in die Kommentarspalten der verschiedenen Online-Portale könnte man denken, dass diese Probleme abnehmen. Es scheint, dass wir heute in einer besonders hemmungslosen Zeit leben. Tatsächlich ist es gerade umgekehrt. Gemäss der Forschung haben wir heute eher mehr Hemmungen als früher. Nur gilt das ganz offensichtlich nicht für alle Bereiche in gleichem Mass. Höchste Zeit also, dass wir uns mit diesem ambivalenten Wegbegleiter befassen.
Auch wenn wir uns nicht so schnell mit Lampenfieber, Flirtblockade und Co. aussöhnen, gibt uns die Ausstellung Schweinehunde und Spielverderber doch eine spielerische Gelegenheit, einmal tiefer in dieses zutiefst menschliche Thema einzutauchen – und ein bisschen mehr zu erfahren über diesen lästigen Begleiter.

Zur Person

Nico Gurtner leitet im Museum für Kommunikation seit 2015 den Bereich Marketing und Kommunikation. Als Mitglied des Projektteams der Ausstellung Schweinehunde und Spielverderber war er auch im Prozess der Ausstellungskonzeption mit dabei. Er hat keine Hemmungen, zuzugeben, dass auch das Museum für Kommunikation nicht immer perfekt kommuniziert.