Operative Hektik ersetzt geistige Windstille

20.03.2006
01/2006
  • Vorwort

Erinnern Sie sich an Sars? Dieser Leitartikel möchte sich eigentlich immer mit etwas auseinander setzen, was den Schreiber gerade beschäftigt. Aber bevor ich den ersten Satz geschrieben habe, ist schon ein neues Thema da, das den Alltag dominiert.

Vogelgrippe, Swisscom-Debakel, offener Stadtbach, Erdgasstreit, Kampfhunde, mittlerer Osten, Feinstaub, IV-Schulden, CIA-Flüge, neuer Lohnausweis: Was wichtig ist, bestimmen die Schlagzeilen, weniger der effektive Gehalt des Problems.

Sind die Schlagzeilen fett genug, können plötzlich Probleme schnell gelöst werden, rasches und entschiedenes Vorgehen der Politik demonstriert Handlungsfähigkeit. Nach meiner Lesart nicht dort, wo es wirklich notwendig wäre, und auch mit fast nutzloser Aktionitis; es ist verpuffte Energie in Nebensächlichkeiten.

Das Sorgenbarometer der Schweizer Bevölkerung listet kein einziges der oben aufgeführten Themen auf. Spitzenreiterin in der Rangliste ist die Angst um Arbeitsplatzverlust. Dass dies in der Schweiz mit ihrem im internationalen Vergleich stabilen und gut funktionierenden Arbeitsmarkt so ist, müsste weit mehr alarmieren. Die nicht nachlassende Unsicherheit über den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz wirkt sich auf die Stimmung im Lande aus, bremst ein nach vorne gerichtetes Handeln, fördert Verkrustung. Zuversicht und Mut für die Zukunft lassen sich in dieser Stimmung nicht mit kleinräumigen Aktionen herbeiführen.

Die zentralen Probleme – wie fehlendes Wirtschaftswachstum, Staatsverschuldung, Finanzierung der Sozialversicherungen – führen zu weit mehr Polarisierung in der Bevölkerung als etwa das Kampfhundeverbot. Sie sind weit weniger einfach zu lösen, und sie bewegen weit mehr Menschen. An ihrer Lösung mit der gleichen Entschiedenheit wie beim Feinstaub und den Hunden zu arbeiten, tut Not.

Weniger ist auch hier mehr: Wer sich in tausend Kleinigkeiten verliert, sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Die Beschränkung auf das Wesentliche ist die Kunst. Diese Kunst darf auch in der Politik geübt werden.