Vom Licht

20.12.2017
04/2017
  • Vorwort

Wir gehen dem Ende des Jahres zu, dem kürzesten Tag entgegen.

Wir sind in den Tagen, in denen das Licht weicht.

Ein Leben ohne Licht können wir uns nicht vorstellen. Wir wissen sogar, dass fast alles aussterben wird, wenn uns das Licht nicht täglich scheint. Im Volksmund reden viele Sprüche vom Licht und von seiner Bedeutung, etwa von der Einsicht, dass viel Schatten ist, wo auch viel Licht ist. Religion und Philosophie übertragen die Bedeutung des Lichts in ihre Welten und messen ihm die entsprechend grosse Bedeutung zu.

Im jüdischen Glauben wird Chanukka gefeiert. Es beginnt am 25. Tag des Monats Kislew nach jüdischer Zeitrechnung und dauert acht Tage (das ist dieses Jahr vom 12. bis zum 20. Dezember). Chanukka ist das Lichterfest, es erinnert daran, dass in schwieriger Zeit auf wundersame Weise das Licht am siebenarmigen Leuchter im zweiten Tempel in Jerusalem nicht ausging. Im christlichen Glauben ist Weihnachten das Fest des Lichts. Wir feiern mit der Geburt Jesu die Ankunft des Lichts in der Welt: «Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.» (Joh 8,12).

Beide Feste erinnern uns daran, uns aufzumachen und das Licht zu suchen. «Ich bin das Licht der Welt» heisst für mich denn auch, das Licht zuerst und vor allem in mir selbst zu suchen, dem starken Wunsch nachzuleben, mich selbst zu werden. Selbstverwirklichung geschieht – so meine Auffassung – nicht im Wirken nach aussen, sondern in der ständigen Arbeit an sich selbst, die Wirkung nach aussen folgt daraus. Der US-amerikanische Präsident Abraham Lincoln soll gesagt haben: «Ich muss nicht unbedingt erfolgreich sein, aber ich muss nach dem Licht streben, das in mir ist.»

Nun sollte ich eigentlich die Frage beantworten können, wann denn das Ziel erreicht sei. Wann habe ich dieses Licht in mir gefunden, woran kann ich das erkennen? Ich weiss es nicht. Sicher wird jede und jeder für sich selbst diese Frage immer wieder stellen und eine Antwort darauf finden wollen. Ich bin überzeugt, dass es keinen Zeitdruck gibt: Wer sich auf den Weg gemacht hat, muss darauf keine Eile haben. Die deutsche Schriftstellerin Bettina von Arnim schreibt: «Wer sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.» Es geht uns wohl wie der Pflanze, die sich zuerst den Weg durchs Erdreich ans Tageslicht bahnen muss, um dann dort weitergedeihen und schliesslich blühen und verwelken zu können. Das ganze Menschenleben hat diesen Ablauf in sich. Innerhalb des Jahres tut es gut, wenn wir uns bewusst sind, dass es nicht nur Momente des Wachsens und Blühens gibt, sondern auch solche, in denen die Kraft zurück in die Wurzel fliessen muss.

Weihnachten ist der Beginn dieses Ablaufs. Jedes Jahr wieder erleben wir den kürzesten Tag und feiern das kommende Licht. Ich wünsche uns allen dieses Fest als guten Aufbruch in die nächste Zeit.