Im Fluss

20.06.2017
02/2017
  • Vorwort

Wir alle sind vertraut mit dem ständigen Wandel. Wie wir ihn bewältigen, liegt vor allem an uns selbst. 

Der Fluss oder das Fliessen steht als Thema über dieser Ausgabe der Marginalie. Vom Fluss in seiner natürlichsten Form – hier der Aare – ist die Rede, und dann auch vom Informationsfluss, vom Warenfluss, und auch das Fliessen der Energie findet Platz: ein breites Thema, der Fluss ein vertrautes Bild.Jedermann wird wohl merken, dass sich rund um uns immer alles ändert, nichts stehen bleibt und dass wir uns mittendrin ändern: Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen, sagt ein lateinisches Sprichwort. So ist es nicht verwunderlich, dass das hier gewählte Thema in Philosophie und Literatur

Heraklit von Ephesos

fast allgegenwärtig ist und zu allen Zeiten behandelt wurde und wird.Am bekanntesten vielleicht ist die dem griechischen Philosophen Heraklit (um 500 v. Chr.) zugeschriebene Formel «Alles fliesst», in der er seine Auffassung zum Ausdruck bringt, dass sich alles fortbewegt und nichts bleibt. In zahlreichen Gedichten wird dieser Gedanke aufgegriffen, natürlich etwa bei Goethe:


Des Menschen Seele

Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder

Zur Erde muss es,

Ewig wechselnd. 


Es erscheint mir eigentlich fast müssig, vielleicht gar anmassend, diesem reichen Schatz die eigenen Ansichten hinzuzufügen. Hier passt es: Es wäre Wasser in die Aare getragen. Es braucht beileibe keine Philosophie, um zu spüren, wie sehr der tägliche Wandel uns beansprucht, und es braucht keine ­Gedichte, um zu merken, dass es Kraft braucht mitzuschwimmen, um nicht weg­geschwemmt zu werden. Die Philosophie kann uns allenfalls lehren, dass zu allen Zeiten der Wandel gespürt und empfunden wurde. Jede und jeder muss sich aber selbst immer wieder finden in diesem ständigen Weiterfliessen, muss sich täglich neu behaupten. Ich meine, dass das gemeint ist, wenn man sagt: das Leben meistern. Ich meine auch, dass sich dieses Meistern nicht in grossen Taten, schon gar nicht in grossen Worten zeigt, sondern in vielen, nicht nachlassenden Schwimmzügen, um beim Bild zu bleiben. Auf dem Wasser zu gehen, ist nicht dem Menschen gegeben.