Neue Wege

20.09.2016
03/2016
  • Vorwort

Farben! Die visuelle Kommunikation lebt von ihnen. Sie verstärken die Aussagekraft von Bildern, Filmen und Grafiken. Doch Farben können auch heimtückisch sein. Was bedeutet zum Beispiel Rot? Ist damit nur eine Farbe gemeint?

Worte erhalten, das wissen wir längst, erst durch ihren Zusammenhang und durch die Interpretation jedes und jeder Einzelnen ihre Bedeutung. Im Alltag auf den sorgfältigen Gebrauch von Worten zu achten, ist wichtig, gerade auch, wenn diese eine starke geschichtliche oder kulturelle Bedeutung haben. Eine bestimmte Wortwahl hilft, Vertrauen aufzubauen – oder kann gezielt verletzen. 

Farbe und farbig: Diese Worte klingen für mich angenehm. Doch Worte haben ihre Tücken. Manchmal sind sie freundlich, manchmal wirken sie flau oder gewalttätig. Wenn einer seine Erfolge in allen Farben schildert, werde ich misstrauisch. Ein farbiger Beutel als Verpackung hilft uns, eine Ware leicht zu erkennen, ein Farbbeutel erinnert viele an Schmierereien, manch ein Hausbesitzer kann ein Lied davon singen. Oft ist es politisch unkorrekt, von Farbigen zu sprechen. Obwohl doch nur die Hautfarbe unterschieden werden soll, ist es ein Wort, das sich durch die Geschichte aufgeladen hat und vieldeutig geworden ist. Das ist bei einzelnen Farben nicht anderes. «Ich habe rot gesehen» hat ganz unterschiedliche Bedeutungen, und je nach Standpunkt sind Grüne politische Freunde oder Gegner. Ein Brauner kann ein Rechtsextremer oder ein Pferd sein. Mit den Schwarzen werden bisweilen Katholiken oder Menschen mit dunkler Hautfarbe bezeichnet, je nach Gesinnung ist dies ein neutraler Begriff oder ein negatives Urteil. Dabei sind ja eigentlich die Farben Grün, Rot, Braun und Schwarz neutrale Begriffe, und mit Schwarzer Kunst wird das Buchdruckerhandwerk positiv umschrieben. Leute, die schwarzmalen, schätzen wir nicht besonders, andere haben so teure Kunstwerke geschaffen. 

Farben bieten Grund zu allerlei Missverständnissen. Menschen mit einer Farbschwäche sehen Tannen oder Kaffeekapseln anders als die anderen. Doch wer sieht die Farbe nun richtig, wenn die Farbrezeptoren im Auge jedes Menschen unterschiedlich reagieren und unser Farbempfinden mit unseren Emotionen schwankt? Was ist rot? Zu den Diskussionen über eine originalgetreue Abbildung weiss jeder Drucker Anekdoten zu erzählen, weil die Farben unterschiedlich interpretiert werden und die Lichtquelle wesentlich für die Farbwiedergabe ist. 

Mir sind solche Beobachtungen beispielhafte Warnungen, meine eigene Meinung und Wahrnehmung nicht als absolut zu betrachten und darauf zu achten, wie andere die «Farben» dieser Welt wahrnehmen. So sind auch die politischen Parteien gut beraten, ihre Farbe nicht als die einzig richtige durchsetzen zu wollen. Die Bilder einer Demokratie müssen farbenfroh und fein abgestimmt sein. Solche Bilder sind harmonisch, ohne langweilig zu wirken. In ihnen ist immer wieder etwas Neues zu entdecken.