Heimatland!

11.12.2020
04/2020
  • Fokus

Heimat ist dort, wo man die Muttersprache spricht.

Heimat ist dort, wo das Vaterland liegt.

Heimat ist dort, wo es heimelig ist.

Könnte es sein, dass bereits die Wahl der Begriffe und Worte etwas darüber aussagt, wer was unter «Heimat» versteht? Mein Vaterland ist die Schweiz – mein Mutterland ist aber irgendwie eher das Bernbiet. Wie ist das bei Ihnen?

Unter «Vaterland» versteht man ja das Herkunftsland im Sinne des entsprechenden Nationalstaates. Unter «Mutterland» zumindest heute aber eher das geografische Gebiet, in dem etwas «heimisch» ist, seinen Ursprung hat. Bei der Mutter eben. Bereits die Römer haben das ja in ihrem Recht schon klar festgelegt: «mater semper certa est», «die Mutter ist immer sicher» – weil: Beim Papa ist das ja so eine Sache. Das kann ja durchaus auch ein anderer gewesen sein – zumindest bis zur Erfindung der In-vitro-Befruchtung (1978) war das allen klar. Seit damals nicht mehr.

Und auch das «Vaterland» hat als Begriff seinen Niedergang erlebt: Noch in den 1930er- und 1940er-Jahren kämpfte man (Mann?) für sein Vaterland, und in derselben Zeit florierte in Berlin das «Haus Vaterland»: ein Vergnügungstempel am Potsdamer Platz mit elf  fantastisch-dekorierten Themenrestaurants mit jeweiligen Länderküchen (von der «Arizona-Bar» über die «Bremer Kombüse» bis zur «Japanischen Teestube»), den man ohne Übertreibung als «Mutterland der Erlebnisgastronomie» bezeichnen darf.

Aber heute? Dem Begriff «Vaterland» haftet doch etwas Verstaubtes, leicht Reaktionäres an – finden Sie nicht?

Wie viel besser gefällt uns aber auch heute noch das Wort «heimelig». Ja, gemütlich, wohlig und behaglich sollten wir es uns jetzt einrichten in diesen Zeiten. Obwohl mittlerweile der aus dem Dänischen abgeleitete Begriff «hyggelig» zumindest in Influencer-Kreisen und in Lifestyle-Magazinen so langsam das «Heimelige» verdrängt. Denn «Hygge», das ist DER Trend aus dem Heimatland der Dänen: Gemütlichkeit als Lebensprinzip.

Aber egal welcher der beiden Begriffe – der Bezug zur Heimat ist da, denn Heimat müsste ja auch dort sein, wo man sich einfach wohl und geborgen fühlt – oder?

Und wie ist es denn mit dem «Heimet»? Ein Begriff, den der Duden korrekt, aber wohl etwas unvollständig mit «schweizerisch: kleines bäuerliches Anwesen» definiert. Dabei ist das doch viel mehr! Denn «ds Heimet» oder noch besser «ds Heimetli» bedeutet ja dem Bauer alle Welt. Und sobald derselbe allzu lange getrennt ist von der heimatlichen Scholle und seinem Hof, so leidet er. Und wie! Ja, genau das ist (heimat-)typisch für uns Schweizer – denn schon Gotthelf schreibt in seiner Erzählung «Der Besuch» (1854): «Dieses Weh nach einer Heimat, die nicht zwei Stunden weit entfernt liegt, findet man oft im Schweizerland.»

Und tatsächlich – bei jeder zweiten Volksabstimmung in diesem Lande hat man das Gefühl, die Mehrheit der Schweizer/innen seien eigentlich immer noch Bauern mit eigenem «Heimetli». Oder etwa nicht?

Aber gerade in der Schweiz – zumindest im deutschsprachigen Landesteil – scheint Heimat stark mit dem Dialekt verbunden zu sein. Der Germanist Peter von Matt hat ja nicht unrecht, wenn er sagt, dass wir uns gerade da immer etwas vom «grossen Kanton» und von der deutschen Sprache (die ja eigentlich auch unsere Muttersprache ist ...) abgrenzen müssen. Heimat ist ja auch einfach da, wo man reden kann, wie einem eben «der Schnabel gewachsen» ist. Mundart ganz direkt – am liebsten beim Fluchen. Was gibt es Schöneres als berndeutsche Kraftausdrücke: «Löu!», «Du Peyeresu!» oder eben «Heimatland!». Wie fluchen Sie am liebsten?