Die etwas andere Papiergeschichte

20.12.2014
04/2014
  • Fokus

Haben Sie sich schon mal gefragt, was mit dem Papier geschieht, das bei einem Druckauftrag übrig bleibt? Eine einmalige Geschichte dazu erzählt die Kindergärtnerin Annette Haldi-Sollberger, die im Rahmen eines Bildungsurlaubs in Rumänien ein Malatelier aufgebaut hat und dafür Restpapier der Stämpfli AG beziehen konnte.

Darf ich mich vorstellen? Papierbogen, Grösse 5070cm, ehemals Lagerbestand bei der Stämpfli AG. Restpapier, wie ich es bin, wird zur Eigenverwendung weiterverarbeitet, an den Papierhändler zurückgegeben oder der Hostettler AG zum Recyceln geliefert. Mein Weg ist ein anderer.

Reise nach Rumänien

Meine abenteuerliche Reise beginnt, als ich zusammen mit ca. 99 anderen Genossen eingehüllt und aufgestapelt werde. Ich merke bereits, dass etwas Spannendes auf mich wartet. Nach einer längeren Weile werde ich in ein Auto gepackt. Stimmen sprechen von einer langen Reise. Ein paar Mal werden wir hin- und hergeschoben, und dabei geschieht, was sein musste: Ein kleiner Riss in der Hülle verspricht mir fortan einen Blick in den Innenraum meines Transporters. Koffern, Schachteln, Taschen werden geladen. Draussen wünscht man sich gute Reise, sagt liebe Grüsse und bis bald. Zwei Kinder steigen ein, zwei Erwachsene dazu.

Später folgt ein längerer Halt, wieder steigt ein Kind mit allerlei Gepäck ein. Die Fahrt bietet viel Unterhaltung. Es wird über Eishockey gesprochen, gesungen, gejammert, Hunger signalisiert, Durst verspürt, geschlafen, und immer wieder ertönt Musik, sie beschwingt. Plötzlich nehme ich eine grosse Nervosität wahr: Ob es wohl reicht, rechtzeitig in Salzburg im Hotel die Farben abzuholen? Was, wenn schon geschlossen ist, der Nachtportier nicht mehr erreichbar sein wird?

Stopp, Stimmengewirr, es wird umgeladen, Farbflaschen werden in Zwischenräume gesteckt, ein paar Kisten ergänzen die Ladung, Kinder jammern und erbitten lautstark und zu Recht Platz für ihre Wichtigkeiten. Weiterfahrt, alle sind glücklich, dass es geklappt hat. Nun wird es nach und nach still, alle schlafen, ausser der Fahrer. Das Endziel ist noch nicht erreicht, und seine Aufgabe ist eine wichtige: 26 Stunden dauert die Fahrt.

Ankunft im Atelier

Das stundenlange Summen des Motors hört auf. Ich vernehme eine Sprache, die ganz anders klingt als diejenige vor ein paar Tagen am Stämpfli Lagerplatz. «Kösönöm»  dankeschön; die Fahrt ist zu Ende. Nach längerem Warten werden wir gleich packweise aufgehoben und von der Garage in den Keller getragen, in dessen Mitte mir Farben entgegenlachen und Pinsel liegen. Endlich kommt die Hülle ganz weg.

Wieder Kinderstimmen, fremd, aber fröhlich klingend. Eine Frau erteilt Anweisungen, fragt nach dem Namen: Katika wird mit Bleistift auf meinen Rücken geschrieben, dazu das heutige Datum: 26. Juli 2014. Katika trägt mich zur Wand – quer möchte sie das Blatt an der Wand wissen. Alle vier Ecken werden mit farbigen Steckern angeheftet. Weitere Anleitungen folgen. Das Mädchen läuft zur Farbpalette und trägt mit ihrem Pinsel ein kräftiges Gelb direkt zu mir und malt, zuerst noch unsicher, dann immer mutiger, einen langen Strich. Wie freue ich mich darüber: Ich werde bemalt, werde zu etwas, wovon ich vorher nur geträumt habe. Ich werde, nein, ich bin eine Kinderzeichnung, für immer und ewig. Wie mich das Kind bestaunt: Ich fühle mich geehrt, wahrgenommen als etwas Kostbares. Wertfrei werde ich fortan sein, und etwas Einzigartiges. 


Hintergrund

Ein Bildungsurlaub dient Lehrkräften dazu, sich fachlich und pädagogisch weiterzubilden. Nebst themenspezifischen Quartals- und Semesterkursen kann die Form des Urlaubs individuell gestaltet werden. Annette Haldi-Sollberger bildet sich zur Malleiterin aus und wollte von Beginn an einen Ort finden, wo sie ihre Pläne eines Malateliers für weniger privile­gierte Kinder umsetzen kann. Sofortige Unterstützung fand sie dabei im Hilfswerk «Direkthilfe für Rumänien», das sich mittels Spenden in Förder­programmen in den Bereichen Medizin, Ausbildung und Freizeit für Kinder und ihre Eltern in Rumänien einsetzt.