Burn-out versus Beinbruch

20.06.2016
02/2016
  • Unternehmen

Warum kann es nicht ein gewöhnlicher Beinbruch sein! Etwas, was alle sehen würden. Etwas, was keine mitleidvollen Blicke und quälenden Fragen auslöst. Ein Gips und ein Paar Krücken, und die Arbeitsunfähigkeit ist das Normalste der Welt.

Burn-out – ausgerechnet ich? Das ist doch was für die anderen!

Ich habe mich gefragt, warum wir immer noch Mühe haben mit psychischen Erkrankungen und Diagnosen. Die Antwort kenne ich auch nicht. Ich weiss nur, dass ich einen Beinbruch nicht selbst behandeln kann. Mit dem Begriff «Burn-out» assoziieren wir Bilder und Gedanken, die der Realität meist nicht entsprechen. Einmal Burn-out, immer Burn-out. Wird jemals wieder eine volle Leistungsfähigkeit gegeben sein, wie steht es mit der Belastbarkeit? Ich erlebe es anders. Gemäss meiner beruflichen Erfahrung kann es zu Situationen kommen, in denen die betroffene Person von der Heftigkeit verschiedener Ereignisse in kürzester Zeit überrannt wird. Der berühmte Tropfen bringt dann das Fass zum Überlaufen. Eine banale Bemerkung, ein eindringlicher Blick, ein heftiges Wort, und die Überforderung angesichts von Alltäglichkeiten tritt an die Oberfläche. Kann mir das nicht auch passieren?

Nun braucht es fachärztliche Hilfe und einen Moment der Ruhe und des Loslassens. Die Reflexion darüber, wie es zu dieser Situation kam. Die Erkenntnis, sich viel zu viel zugemutet zu haben. Lernfähigkeit und den Mut, ein paar Dinge zu ändern. Ob der ausschlaggebende Tropfen von einer Situation am Arbeitsplatz oder von einem privaten ­Umstand herrührt, ich muss lernen, auf Anzeichen der Überforderung zu achten und diese auch zu kommunizieren. Meinem Arbeit­geber und meiner Umgebung, vor allem aber mir gegenüber. Ich muss mir selbst die richtigen Fragen stellen. Darf ich zufrieden sein mit einer Arbeit, die ich bestmöglich erledigt habe, die aber dennoch nicht perfekt aus­geführt ist? Kann ich mich mit einem guten Buch in meinen Lieblingssessel setzen und dabei mit Absicht den Kleiderhaufen ignorieren, der auf das heisse Bügeleisen wartet? Und wie sieht es mit der ­Zufriedenheit mit meinem eigenen Lebensumständen aus? Entspricht meine Situation meinen Wünschen, Träumen und Möglichkeiten oder eher den Vorstellungen anderer Menschen?Sich selber Gutes zu tun, auch mal die Seele baumeln zu lassen, wäre manchmal sinnvoller, als sich Gedanken darüber zu machen, was der Nachbar von den längst zu putzenden Fenstern hält. Ein erfülltes Leben ­besteht nicht einzig darin, ständig irgend­welche Rekorde zu brechen oder noch höhere und kaum erreichbare Ziele mit Verbissenheit zu verfolgen. Schon gar nicht die Rekorde und Ziele der anderen.

Der Facharzt für Burn-out heisst übrigens Psychologe oder Psychiater. Oder gehen Sie mit Ihrem Beinbruch zum Ohrenarzt?