Angekommen im neuen Jahr

20.03.2009
01/2009
  • Vorwort

Die Neujahrsfeierlichkeiten sind längst vorbei, das neue Jahr ist im Alltag angekommen. Aus 2008 sind selbstverständlich alle Probleme mitgekommen, der Jahreswechsel heilt keine Wunden. So eben auch die Finanzkrise, die durch alle Medien hindurch auf uns einwirkt, deren Auswirkungen längst in der Wirtschaft Wirkung zeigen. Man sucht nach Ursachen und findet sie in Habgier und Machthunger einiger weniger. Rufe nach besserem ethischem Verhalten haben wieder Hochkonjunktur, es werden Verhaltensregeln erarbeitet und als Richtschnur empfohlen.

Wer in der Wirtschaft in leitender Funktion tätig ist, sollte eigentlich keine Leitfäden zu ethischem Verhalten benötigen. In einem Verhaltenskodex kann ich ausdrücken, wie ich mich verhalten will. Ob er andere zu diesem Verhalten anspornt, halte ich für fraglich. Schwächen wie eben Habgier und Machthunger begleiten den Menschen nicht erst seit dieser Krise, es sind uralte Phänomene. Wir werden immer wieder mit solchen charakterlichen Fehlleistungen konfrontiert sein. Es ist unmöglich, an jeder Führungsposition einen charakterlichen Idealtypus zu vermuten.

Mir scheint es wichtig, dass die Gesellschaft in der Lage ist, solche Fehlleistungen nicht nur aufzudecken, sondern auch zu verarbeiten. Nur eine breit abgestützte Gesellschaft kann das, nur eine offene Gesellschaft, die dank freier Meinungsäusserung, freier Presse und funktionierenden demokratischen Strukturen ihre eigenen Spielräume definieren und leben kann, ist dazu in der Lage. Die Demokratie kann diesen Kraftakt schaffen. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt hat das wie folgt ausgedrückt: «Die Demokratie ist nicht schlecht, weil auch in ihr Skandale geschehen. Sondern sie ist gut, weil sie – anders als die Diktatur – die Skandale aufdeckt.»

Die Herrschaft einiger weniger, die Oligarchie, führt zu Unterdrückung wichtiger sozialer Schichten, die sich nicht unabhängig in die Meinungsbildung einbringen können. Soziale Unrast wäre die Folge, Instabilität in einer Krisensituation, die alles andere als zusätzliche Unsicherheit erträgt.

Wir tun gut daran, zu unserer Demokratie Sorge zu tragen. Sie muss dem Ausgleich zwischen Stark und Schwach verpflichtet sein. Sie muss Minderheiten ebenso zu ihrem Recht verhelfen, wie sie Mehrheiten nicht in der Aus-übung ihres Willens hindern soll. Das ist eine Gratwanderung, die der dauernden Sorgfalt bedarf. Wohin Diktatur und Staatsterror führen, erlebt die Welt noch heute täglich, hat Europa bis vor nicht allzu langer Zeit selbst in seiner Mitte erfahren. Die Schweiz hat eine lange Erfahrung mit der Demokratie. Wir sind alle ein Teil davon, es liegt an jedem von uns, sie in die Zukunft zu tragen.