... wenn man trotzdem lacht

20. November 2018
04/2018
  • Vorwort

Du irrst, wenn du sagst, es sei leicht,
was Leichtes hinzuschreiben,
was lustig – aber nicht zu seicht –
die Sorgen hilft vertreiben.
Leicht ist, ich bitt’ dich zu verzeihn,
das sogenannte Ernste,
das braucht nicht angebor’n zu sein –
das kannste bald, das lernste! 1

Spätestens seit der bundesrätlichen Ansprache zum Thema, wie gesund Lachen sei, kennen wir Schweizer diesen medizinischen Vorzug. Das Lachen und sämtlicher Humor mag einem zuweilen aber vergehen wollen, wenn man in unsere Welt schaut und kaum fassen kann, wie viel Elend, Armut, Hunger, Gewalt, Krieg um uns herum jeden Tag Realität ist: Die Schweiz kommt mir dann wie eine Oase der Glückseligen vor; wir können den Frieden hier nicht genug hoch schätzen. Wenn ich die über 200 Jahre des Bestehens unserer Firma überfliege, so finde ich immer wieder die Zeiten der inneren und äusseren Bedrohungen, bei der Besetzung durch Napoleon angefangen, über Hungerzeiten in der Schweiz und zwei Weltkriege hinweg bis heute: Die glücklichste Zeit fällt in meine Lebensspanne. Entspringt denn mein Lachen – es ist mir noch nicht vergangen – der Dummheit, der Ignoranz, weil ich nicht wahrnehmen will, was um uns herum an Entsetzlichem geschieht? Müsste ich nicht eigentlich auf das Lachen ganz verzichten, weil das viele Elend nicht ausgelacht werden darf? Res sacra miser, so der Stoiker Seneca, das Elend ist eine heilige Sache. 2 Ich will all diesen Schrecken ernst nehmen und mich nicht abwenden. Die Flucht ins Idyllische und in ein Heile-Welt-Denken, wie das die Epoche des Biedermeier prägte, ist nicht meine Art. Ich will wissen, was in unserer Welt vor sich geht, und so gut wie möglich versuchen zu begreifen. Aber ich will mich nicht umbringen lassen von der Last, ich will das Schöne und Gute auch sehen und mich davon beleben lassen. Es kommt mir ein weiteres Zitat in den Sinn: «Er ist eine von den empfindlichen Seelen, die, weil sie sich nicht darauf verstehen, den Kummer zu töten, sich von ihm töten lassen.» 3 Das fände ich unsinnig. Ich bin der Ansicht, dass wir den Kummer und das Leiden in unserem Leben immer in gleicher Weise akzeptieren sollen, wie wir dem Erfreulichen begegnen. Alles sind Wegstrecken auf dem Lebensweg, ich will den Weg ganz gehen und seinen Reichtum ganz einfangen. Mögen Sie noch ein weiteres Zitat lesen, einfach, weil ich nicht so treffend ausdrücken kann, was ganz Grosse in wenigen Zeilen konnten? Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe, aus ein paar sonnenhellen Tagen sich soviel Licht ins Herz zu tragen, dass, wenn der Sommer längst verweht, das Leuchten immer noch besteht. 4 Das passt nicht nur zur anbrechenden dunklen Jahreszeit, es ist eine Aufgabe, die uns allen gelingen möge.
  • Rudolf Stämpfli

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