Im Wandel der Zeit

20.09.2012
03/2012
  • Vorwort

Dr Papa isch im Gschäft: Diesen Satz haben meine Geschwister und ich zu Hause unzählige Male gehört. Ds Gschäft, das ist unsere Firma hier im Schermen, das war die Firma an der Hallerstrasse und war die hochobrigkeitliche Druckerei an der Postgasse. Fünf Generationen haben der 1599 gegründeten Unternehmung seit 1799 jeweils ihren Stempel aufgedrückt und dafür gesorgt, dass die nächste Generation mit gesundem Holz bauen konnte. Peter, Michael und ich als Vertreter der sechsten Generation versuchen erneut, eine Firma zu entwickeln, die unsere Ansprüche an eine sinnvolle Arbeitgeberin erfüllt. Ob es gelingt, wird nach uns zu entscheiden sein. Jedenfalls haben fünf Generationen vor uns durch alle Wirren der Zeit hindurch bewiesen, dass das machbar ist.

In diesen Tagen hat Michaels Vater und unser Onkel Jakob sein Büro hier an der Wölflistrasse geräumt und sich verabschiedet. Fortan möchte er die Geschicke der Firma aus der Distanz seines Altersrefugiums verfolgen: Jakob Stämpfli ist am 8. August 90 Jahre alt geworden. Im Blick zurück scheint es erst gestern gewesen zu sein, dass er 2003 mit uns aus der Länggasse in den Schermen umgezogen ist. Die grosse Zäsur war aber sicher am 1. Juli 1988, als er und sein Bruder Samuel die finanzielle und führungsmässige Verantwortung vollständig an die nächste Generation übergaben.

J. W. v. Goethe 1

Dies bedeutete eine grosse unternehmerische Freiheit, die Peter, Michael und ich ab dem Datum geniessen konnten: Wir waren und sind völlig frei, so zu gestalten, wie es uns richtig scheint. Von der Erfahrung der fünften Generation konnten wir dabei jederzeit profitieren: Tradition ist die Weitergabe von Handlungsmustern, Wertvorstellungen, Glaubens- und Weltanschauungen. Tradition muss leben, sonst wird sie zur Antiquität. Für uns hiess und heisst das, aus dem Überlieferten Neues zu schaffen, das in unserer Zeit Bestand hat.

Jakob Stämpfli hatte während seiner Zeit den Verlag zu einem führenden juristischen Verlag ausgebaut. Die heutige Ausstrahlung, die der Verlag entwickeln kann, wurzelt in seinem Lebenswerk: Das Werk lobt seinen Meister. Er hatte seinerseits auf die Vorarbeiten seines Onkels Wilhelm Stämpfli bauen können, hatte sich dann überlegt, wo die Marktchancen liegen, seinen Fähigkeiten folgend den Rechtsverlag auf- und ausgebaut. Schliesslich hatte er im guten Sinne der gelebten Tradition seine und seines Bruders Firma 1988 in neue Hände gelegt. Wir empfinden dieser Leistung gegenüber Hochachtung und Jakob Stämpfli gegenüber eine tiefe Dankbarkeit.

Wir alle wünschen Jakob Stämpfli von Herzen das verdiente ad multos annos, dem feinsinnigen Menschen, auf den das Prädikat homme des lettres präzise passt. Dennoch: Ihn nicht mehr im Hause zu wissen und seine vertraute Gestalt nicht mehr regelmässig in den Gängen zu sehen, lässt uns den Wind des unabänderlichen zeitlichen Wandels spüren. Die Zeit flieht, und ich kann mich einer gewissen Wehmut nicht erwehren.

1 Faust I: Nacht