Heimat, die ich meine

11. Dezember 2020
04/2020

Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause

Die Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle. Schon die alten Römer kannten diese Volksweisheit: ubi bene ibi patria. Heimat ist dort, wo ich meine Wurzeln habe, wo ich herkomme: Alle Zukunft braucht Herkunft, so hat es der deutsche Philosoph Martin Heidegger zusammengefasst.
 
So verstanden ist meine Heimat Bern, wo ich geboren bin und den grössten Teil meines Lebens verbracht habe. Wenn ich den Begriff Heimat weiter fasse, so bin ich ein Kind des aufgeklärten humanistischen Abendlandes. Die Wurzeln meines Denkens und Handelns sind in dieser Kultur gewachsen, stark geprägt von der christlichen Religion, die ihren Niederschlag im Staat und in den Familien findet. Unsere Verfassung etwa ist überschrieben mit dem Geleitwort Im Namen Gottes, des Allmächtigen, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung … Diese kulturelle und gesellschaftliche Verwurzelung ist mir eher wichtiger als die geografische. Sie hat mein Weltbild geprägt, sie hat die Leitplanken meiner Erziehung und Ausbildung geschaffen. Vieles, was «einfach so ist», entspringt diesem kulturellen Hintergrund. Ich bin zu Hause in diesem Umfeld.
 
Eine dritte Dimension der Heimat prägt uns wahrscheinlich ebenso stark. Ich will es als innere Heimat bezeichnen, als die Gewissheit, in sich selbst zu ruhen. Eine schwierige Aufgabe; sie zu lösen, fällt uns nicht einfach in den Schoss. Rainer Maria Rilke hat in jungen Jahren geschrieben: Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit.1 Zunächst eine rätselhafte Aussage, es klingt nach Ruhelosigkeit. Für mich ist es aber das Wissen um das Verborgene, um etwas Höheres, das ich suchen muss, um die Heimat zu finden. Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Somit sind das nicht geografische Fragen, sondern sinnstiftende Fragen für mein Selbstverständnis. Innere Heimat ist kein Zustand, für mich eher ein Ziel. Das ist Rilkes Heimatlosigkeit in der Zeit, auch das Verständnis von Hermann Hesse, wenn er schreibt:
 
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, ... Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen …
— «Stufen», Gedicht (4.5.1941)  Hermann Hesse
 
Dennoch ist dieses Emporsteigen auf den Lebensstufen nicht rastlos. Es ist vielmehr eingebettet in eine viel grössere Heimat, in eine Wahrheit, die ich als Zuversicht bezeichnen möchte. Sie macht es uns möglich, auf diesem Lebensweg zu wachsen und weiterzugehen: Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause. Zu uns selbst, nach innen, in den endlichen Frieden des Herzens.2
1 Rainer Maria Rilke: Motto aus «Mir zur Feier», 1900, Rilkes erstem Gedichtband, geschrieben am 3.11.1897 im Alter von 21 Jahren
Novalis: «Heinrich von Ofterdingen». Zweiter Teil: Die Erfüllung; Das Kloster oder der Vorhof; Astralis