Woher nimmt die Schweiz ihre Energie?

19.09.2008
03/2008
  • Interview

Herr Albers-Schönberg, Sie haben ein Buch zur Klimapolitik in der Schweiz verfasst. Es ist brand-aktuell. Was war Ihre Motivation?

Neugier: Ich wollte versuchen, den Zusammenhang zwischen dem Energiekonsum und der Klimaveränderung zu verstehen; deshalb nenne ich das Ergebnis lieber eine Studie statt ein Buch.

Ihre Studie ist sehr aktuell, trotzdem haben Sie sie wohl nicht in den letzten paar Monaten geschrieben.

Dass ich gerade jetzt damit fertig wurde, ist purer Zufall. Es fing damit an, dass ich im Herbst 2006 einen Vortrag über den damaligen Stand der Energiepolitik halten musste. Aus diesem Vortrag wurde eine Faktensammlung und daraus dann das jetzt vorliegende Buch. Die Absicht von Stämpfli, meine Studie als Buch herauszugeben, gab ein paar sehr arbeitsintensive Monate.

Haben Sie sich schon immer für Klimapolitik interessiert?

Nein, das Klima interessiert mich erst seit ein paar Jahren. Aber Meteorologie fand ich schon immer interessant. Das Wetter provoziert ja geradezu die Frage: Wie funktioniert das? Von da ist es nicht weit zum Klima.

Warum kamen Sie nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz?

Ich war bei meinem Grossvater in Feldmeilen ZH ebenso zu Hause wie in Berlin. Schon als Bub hatte ich den Plan, später in die Schweiz zu gehen. Es war deshalb naheliegend, nach dem Krieg in die Schweiz auszuwandern und hier zu studieren. Ausserdem war die ETH in Zürich damals eine der wenigen erstklassigen und funk-tionierenden technischen Hochschulen in Europa.

Was führte zum Entscheid, Physik zu studieren?

Erstens war mein Vater Naturwissenschaftler, dessen praktische Art zu denken hat mich beeinflusst. Zweitens hatte ich schon als Kind grosses Interesse für Technisches. Ich wollte immer wissen: Wie funktioniert das? Drittens war eine Schwester meiner Mutter mit dem Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker verheiratet; irgendwie hat auch der mich beeinflusst, obwohl ich als Gymnasiast natürlich nicht verstand, was Weizsäcker eigentlich machte.

Hatten und haben Sie Vorbilder – beruflich oder auch sonst?

Prof. Paul Scherrer an der ETH war nicht ein Vorbild im engeren Sinne des Wortes. Scherrer war ein Lehrer, der eine ganze Genera-tion von Physikstudenten geprägt hat. Seine Methode zu lehren bestand darin, den Studenten zu erklären, wie die Natur funktioniert und dass man vieles verstehen kann; es war klar, dass mich das faszinierte. Ich wäre nicht der, der ich bin, wenn ich nicht bei Scherrer studiert hätte. Später hat mich Fritz Aemmer, Direktor der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK), stark beeinflusst. Aemmer war durch und durch Ingenieur und Energiewirtschaftler, ein Mann mit Common Sense, sehr gescheit und immer mit den Füssen am Boden.

Was sind die dringendsten Probleme, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden?

Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, deren Bewohner einen aussergewöhnlich hohen Wohlstand geniessen. Das Problem der Schweiz besteht darin, den erarbeiteten Wohlstand zu halten. Die Menschen in den aufstrebenden Ländern sind ebenso gescheit wie wir. Die Konkurrenz wird härter und zahlreicher. Da müssen wir uns behaupten.

Sie plädieren für den Bau neuer Atomkraftwerke.

Um unseren Wohlstand zu halten, brauchen unsere Bevölkerung und unsere Wirtschaft elektrische Energie. Wenn wir gleichzeitig eine gescheite Klimapolitik machen wollen, dann muss diese elektrische Energie wie bisher CO2-frei produziert werden. Das geht auch in Zukunft nur mit Wasserkraft und Kernenergie. Mit Wind und Solarzellen lässt sich das nicht machen, diese Quellen geben zu wenig her.

Und wenn die Bevölkerung den Bau von Atomkraftwerken ablehnt?

Dann werden wir Gasturbinenkraftwerke aufstellen müssen, das wird uns abhängig machen von Gaslieferungen aus dem Ausland und von den steigenden Gaspreisen. Und dann können wir in den anderen Sektoren (Gebäude, Verkehr) keine vernünftige Klima-politik verfolgen.

Denken Sie, dass das Rahmengesuch von ATEL gegenwärtig eine Chance hat?

Die Schweiz ist eine direkte Demokratie, das heisst, dass das Volk immer das letzte Wort hat. Deshalb bin ich optimistisch.

Sind Sie allgemein ein optimistischer Mensch?

Es gibt das Bonmot, ein Optimist sei derjenige, der nicht orientiert ist. Ich denke, man sollte optimistisch in die Zukunft schauen, aber bei seinem Handeln skeptisch und realistisch bleiben.

Was ist für Sie das Schönste am Leben?

Etwas verstehen, einen Zusammenhang, eine Naturerscheinung, dem lieben Gott ganz bescheiden ein wenig in die Karten spähen … Physik macht neugierig. Aber das Leben besteht nicht nur aus Physik, es gibt sehr viel anderes Schönes.