Willkommene Horizonterweiterung

19.03.2010
01/2010
  • Neuerscheinung

Kann man Deutscher und Schweizer zugleich sein? Normalerweise erwirbt man eine zweite Staatsbürgerschaft erst im Laufe des Lebens. Ich bin beides von Geburt an, wie ist das möglich? Um das zu verstehen, müssen wir einen Sprung durch die Zeit machen und in die europäische Geschichte eintauchen.

Deutsche Bernburger

Unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa, 1153, werden die Burg- und Reichsgrafen zu Dohna erstmals urkundlich erwähnt. Das Adelsgeschlecht gilt als Gründer von Dresden. Später erwirbt es in Ostpreussen und Schlesien neue Güter und Ländereien. In der Mitte des 17. Jahrhunderts war mein Vorfahr Friedrich Dohna Gouverneur des Fürstentums Orange in der Provence. Dieses gehörte seinem Cousin, dem niederländischen Prinzen Wilhelm II. von Oranien. Als der katholische Sonnenkönig Ludwig XIV. das protestantische Fürs-tentum mit erdrückender militärischer Übermacht belagerte, gab Friedrich Orange auf und zog in die Schweiz, ins 1536 von Bern er­oberte Waadtland. 1657 kaufte er die beiden Schlösser Coppet und Prangins, beide am Genfersee gelegen, und erwarb sich damit das Berner Burgerrecht. Seither sind alle zu Dohnas Bernburger, und die Beziehungen zur Schweiz wurden bis heute aufrechterhalten.

In Bern übernahm Friedrich neue Aufgaben. Der Kurfürst von Brandenburg suchte in der Schweiz junge Bauern für die Kolonisierung Preussens. Die Landbevölkerung des Kantons Bern war arm und die Auswanderung oft die einzige Chance auf ein besseres Leben. Friedrich vermittelte, und 1685 konnten die ersten Berner Familien nach Brandenburg auswandern, später sollten viele folgen. Auf Wunsch der Stadt Genf übernahm Friedrich den militärischen Oberbefehl der Stadt und bereitete deren Verteidigung gegen den drohenden Angriff des Herzogs von Savoyen vor. Friedrich wurde erneut gebeten zu vermitteln, als Ludwig XIV. 1672 in die Niederlande und 1688 in die Pfalz einfiel. Die Schweiz war gefährdet und strebte ein Bündnis mit den Niederlanden und mit Brandenburg an.

Ein Blick über den Tellerrand

Mir gefällt die Vorstellung, wie man schon im 17. Jahrhundert in mehr als einem Land zu Hause sein konnte und durch ganz Europa reiste, über viele Landesgrenzen hinweg. Wohlgemerkt ohne den heutigen Komfort, man war tagelang mit Kutschen unterwegs, auf schlechten Strassen. Und konnte dabei über weite Distanzen kommunizieren, nach heutigen Massstäben mit einfachsten Mitteln, ohne Handy, E-Mail oder Internet.

Manchmal werde ich gefragt, ob es denn kein Problem für mich sei, beide Nationalitäten unter einen Hut zu bringen. Ich antworte dann, dass dies für mich kein Identitätsproblem darstellt, im Gegenteil, es ist sogar eine willkommene Horizonterweiterung. Natürlich gibt es Situationen, wo man den Spagat zwischen beiden Kulturen machen muss, aber andererseits ist der Blick über den eigenen Tellerrand immer wieder bereichernd, ich möchte ihn nicht missen.