Wie Bern zu unserer Hauptsache wurde

20.12.2012
04/2012
  • Neuerscheinung

«Vorwärts in die Vergangenheit» übertitelten wir am Samstag, 2. Februar 2008, auf den Hintergrundseiten «Zeitpunkt» der «Berner Zeitung», für die wir verantwortlich sind, einen Text, den Boris Zürcher verfasst hatte. Zürcher, heute Direktor des privaten Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Basel Economics, war damals noch Chefökonom des liberalen Thinktanks Avenir Suisse. Betont nüchtern analysierte er den wirtschaftlichen Kriechgang des Kantons: «Solange die Grundausrichtung und die Grundhaltung der Wirtschaftspolitik nicht stimmen», schrieb er, «solange die urbanen, wertschöpfungsstarken Zentren im Kanton laufend durch die peripheren Regionen zurück­gebunden werden, können im Staate Bern nirgends blühende Landschaften entstehen. Ein Kanton, der durch eine starke Alter­ung und einen Bevölkerungsschwund geprägt ist, lädt nicht zum Inves­tieren ein.»

Illustriert war Zürchers Röntgenaufnahme mit einer ausge­leier­­ten Berner Fahne: zerzauster Berner Bär im scharfen Wind des Standortwettbewerbs. Von heute aus gesehen nahm dieses Bild symbolisch unseren Buchtitel vorweg, der damals in Bern als Sakrileg aufgefasst worden wäre: «Wie viel Bern braucht die Schweiz?»

Tückisches Berner Glück

Nicht unerwartet weckte der erste Auftritt der zerfledderten Fahne Emotionen. Boris Zürcher musste den einen oder anderen verbalen Hieb einstecken. Bei uns meldete sich nach Zürchers Standpauke umgehend der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher mit dem dringenden Bedürfnis, Bern in ein besseres Licht zu rücken. «Bern wird unterschätzt und schlechtgeredet», konterte Rickenbacher in seiner zwei Wochen später abgedruckten Replik – die wir zwecks Wiedererkennung ebenfalls mit der abgewetzten Fahne bebilderten.

Von da an wurde die ausge­bleichte, rissige Fahne mit dem vom Gegenwind gequälten Bären definitiv zum Symbol, aber auch zum Wegweiser unserer Auseinandersetzung mit Bern. Wir wollten Bern unvoreingenommen in die Augen schauen, ohne Rücksicht auf Verluste und ramponierte Images – um besser zu verstehen, was um uns herum passiert. Das war ungewohnt, weil man als Berner zu Bern keinen Erklärungsbedarf zu haben glaubt. Und unbequem, weil wir schnell merkten, wie selten Berner selbstkritisch in den Spiegel schauen.

Wir führten mit cleveren Köpfen Dutzende von journalistischen Bern-Gesprächen – und erhielten immer mehr Antworten, die uns tiefer blicken liessen.

«Berner zu sein, ist keine Qualität. Es kommt darauf an, was man daraus macht», sagte uns zum Beispiel Bene Abegglen, damals Creative Director der erfolgreichen Berner Werbeagentur Contexta. «Man muss wissen, wie Bern

funktioniert, wo seine Schwächen sind, dann kann man hier Hervorragen­des leisten», sagte uns Marc Lüthi, CEO des SC Bern. «Kehrt man aus der Welt zurück nach Bern, kommt einem die Lebensqualität manchmal fast unwirklich vor», sagte uns Adrian Iten, Gründer und Besitzer von Adriano’s Bar & Café. «Bern, habe ich manchmal den Eindruck, geht es so gut, dass niemand etwas ändern will. Niemand will unser Glück infrage stellen.»

Jahrelange Spurensuche

Wir versuchten es – mit der Hartnäckigkeit des Historikers und der Ausdauer des Langstreckenläufers – doch: Bern von innen zu verstehen und gleichzeitig von aussen zu betrachten. In Bern zugleich Lokal­­reporter und Auslandkorrespondenten zu sein. Und als das Bundesamt für Raumentwicklung das Raumkonzept Schweiz präsentierte und Bern dort – hinter den Metropolitanräumen Zürich, Basel und Genf-Lausanne – vorerst in die zweite Liga der Schweizer Städte relegierte, stand die Frage, die unsere Arbeit auf den Punkt bringt, plötzlich buchstäblich im Raum: Wie viel Bern braucht die Schweiz?

Dank unserer jahrelangen Spurensuche trauten wir es uns zu, einen unbestechlichen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Stadt und Kanton Bern zu werfen und diesen als Buch zu veröffentlichen. «Genau diese Kombination von Perspektiven ist meines Erachtens die Pioniertat von Stefan von Bergen und Jürg Steiner», sagte der Politwissenschafter Claude Longchamp in seiner Rede an der Vernissage des Buchs im Alpinen Museum.

Kinder der Krise

«Beim Lesen merkt man den beiden Autoren aber an, Kinder der Krise zu sein, aus der sie denkend und schreibend ausbrechen möchten», fügte Longchamp an. «Deshalb nervt sie die Selbstbeweihräucherung Berns durch eigene Politiker und Unternehmer. Ihnen stellen sie als eine Art Gegenöffentlichkeit die Diagnosen von der Wirtschaftsgeografie bis zur Verwaltungswissenschaft gegenüber. Sie haben ein Debattenbuch geschrieben, das gelegentlich über- oder untertreibt, aber geeignet sein dürfte, die bernische Öffentlichkeit aufzuwühlen.»

Ein wenig sei er neidisch, sagte Longchamp, «dass kein Politologe das Werk verfasst hat, dass keine Soziologin es versucht hat und keiner der Wirtschaftsweisen eine ebenso kritische wie nötige Bestandsaufnahme geschrieben hat. Es brauchte einen Historiker und einen Geografen, die der Universität den Rücken gekehrt und mit der Neugier der Reporter gearbeitet haben, damit das Buch entstand. Es brauchte mit Peter Stämpfli auch einen Verleger, der mit dem Mut der helvetischen Republikaner für die Sache einstand.»

Wenige Tage nach Erscheinen hat uns Regierungsrat Andreas Rickenbacher zu unserem Buch gratuliert und sich für unser Engagement bedankt. Bern bewegt sich – mindestens ein wenig. Nicht wegen uns, aber mit uns. Die zerfledderte Berner Fahne hat uns weit getrieben. Sie wird es weiterhin tun.