Weshalb, Herr Tschäppät, braucht es die Hauptstadtregion Schweiz?

20.06.2011
02/2011
  • Nachgefragt

Ganz einfach: Weil die Hauptstadtregion Schweiz als nationales Hauptquartier unser Land am Laufen hält. Dank der Hauptstadtre­gion sind unsere Banken und Versicherungen Global-Players, unsere Pharma- und Maschinenindustrie Exportmeister, unsere Nahrungsmittel- und Handelskonzerne Weltspitze und unsere KMU konkurrenzfähig. Alles klar? Nicht? Dann lassen Sie es mich erklären.

Wir reden gerne davon, wie wichtig es für die Prosperität und den Wohlstand ist, über eine innovative, dynamische Wirtschaft zu verfügen. Wir freuen uns über Unternehmen, die wettbewerbsfähig sind und modernste Technik nutzen. Und es erfüllt uns mit Genugtuung, wenn alljährlich vermeldet wird, wie viele neue Arbeitsplätze entstanden sind.

Dabei übersehen wir allerdings oft, dass die Wirtschaft all dies längst nicht aus sich selbst heraus und aus eigener Kraft schafft. Vielmehr gründet der Erfolg der Wirtschaft darauf, dass sie in der Schweiz hervorragende Rahmenbedingungen vorfindet: bestens ausgebildetes und hochqualifiziertes Personal, eine moderne staatliche Infrastruktur und ein zuverlässig funktionierender Service public, ein hohes Mass an sozialem Frieden und sozialer Sicherheit, viel Lebensqualität und Rechtssicherheit. Erst diese Faktoren ermöglichen es den Unternehmen, sich erfolgreich zu entwickeln und auf dem Markt zu bestehen.

Und wer schafft all diese Voraussetzungen für die Wirtschaft? Genau: Es sind die Politik und der Staat. Sie sind die Taktgeber der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Sie sind die sichtbare Hand, die mit demokratischer Legitima­tion die Marktkräfte im Interesse des Gemeinwohls regulieren, moderieren und lenken und dafür sorgen, dass die Menschen ein erfülltes, selbstverantwortliches Leben führen können.

Und an welchem Ort wird diese politische Regulierungs- und Entscheidungsfunktion zur Hauptsache wahrgenommen? Richtig, in der Hauptstadtregion Schweiz. Hier konzentriert sich, was massgebend ist, um das Land zu gestalten: Regierung, Parlament, Verwaltung und Bundesämter, der Service public mit Swisscom, Post und SBB, die Nationalbank, die SRG, die Verbände, die Lobbyorganisa­tionen und die Denkfabriken. Hier werden die Strategien für die Zukunft ausgehandelt, der öffentliche Dialog organisiert und die Zukunft entworfen. Und hier wohnen und leben die klugen Köpfe, die diesen wertvollen Job in Verwaltung und Politik machen.

Das ist es, was die Notwendigkeit der Hauptstadtregion Schweiz ausmacht: Sie erbringt einen Service public für das ganze Land. Sie pflegt den Zusammenhalt der Schweiz, sorgt für den Ausgleich zwischen den Landesteilen und schafft die Voraussetzungen dafür, dass Zürich, Basel und der Arc Lémanique ihre Rolle als Metropolitanräume wahrnehmen können.

Sie sehen also, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie mit einigem Selbstbewusstsein sagen dürfen: «Ja – wir sind Hauptstadt!» Wir müssen niemanden kopieren, weil wir unsere eigenen Stärken haben. Wir sind nicht der Platz der Banken oder der Chemie; sondern die Herzkammer der Schweizer Politik. Das ist unser einzigartiger Standortvorteil, unser Kapital und Potenzial. Dessen müssen wir uns viel stärker bewusst werden.

Genau dies wollen wir – fünf Kantone und ein Dutzend Städte – mit der Hauptstadtregion Schweiz zum Ausdruck bringen. Das Projekt erlaubt uns zum einen, eine gemeinsame Identität zu entwickeln. So heterogen das westliche Mittelland auch ist: Mit der Hauptstadt-funktion können sich viele Menschen identifizieren. Politik, Staat und Verwaltung als Label verbindet Fribourg mit Bern, Biel mit Thun und Solothurn mit Neuchâtel. Zum anderen eröffnet das Projekt die Chance, gemeinsam die Hauptstadtregion Schweiz weiterzuentwickeln.

An Ideen fehlt es nicht. So bin ich überzeugt, dass wir zum Beispiel die Rahmenbedingungen für Unternehmen im öffentlichen Eigentum optimieren sollten. Damit könnten wir unsere Position als Standort des Service public ausbauen. Denkbar ist für mich auch, dass wir nach dem Vorbild von Washington D.C. eine aktive Politik zur Ansiedlung von Verbänden und NGO betreiben. Damit können wir die Entscheidungs- und Kontrollfunktion der Region stärken. Und wir sollten unsere Universitäten und Fachhochschulen darin unterstützen, in die Bereiche Verwaltung, New Public Management und Governance zu investieren. Damit könnten wir uns noch stärker als verwaltungstechnisches Kompetenzzentrum profilieren.

Habe ich Sie überzeugt, liebe Leserinnen und Leser? Dann lade ich Sie ein, mit uns am gleichen Strick zu ziehen. Es lohnt sich!