Weshalb, Herr Eckmann, ist Doping im Sport gefährlich?

18.03.2011
01/2011
  • Nachgefragt

«Eigentlich scheint alles bes­tens: Die Sportlerinnen und Sportler springen immer höher, werfen immer weiter, laufen immer schneller. Es ist fast wie im Märchen. Im Sport ist alles drin, was Menschen in grosser Zahl glücklich machen kann. Sportlerinnen und Sportler sind denn auch Vorbilder. Hinter dieser Vorbildwirkung steht eine grosse Verantwortung, denn die logische Fortsetzung eines Vorbilds ist sein Abbild, also die Jungen. Auf den Pausenplätzen wird so gedribbelt, gefoult und gejubelt, wie die Idole es vormachen. Und wenn Betrug belohnt und Ehrlichkeit bestraft wird, dann wird eben von klein auf betrogen, wobei das Hineingeraten häufig nur ein ganz kleiner erster Schritt ist, dem immer grössere folgen, bis es kein Zurück mehr gibt.

Die Geschichte des Dopings ist grauenhaft: Im Oktober 1994 sagte die russische Olympionikin Olga Kovalenko am Ersten Deutschen Fernsehen, dass ihre Trainer sie gezwungen hätten, sich schwängern zu lassen und hinterher abzutreiben, was in der damaligen Sowjet­union ein gängiges Dopingmittel darstellte. Dann wurden Wachstumshormone und Anabolika Mode. Es gab Frauen mit Bart und Stimmbruch, Gewichtheber mit dem Schattenwurf von Hängebauchschweinen und Sprinter wie Stiere. Es fehlten nur noch Schwimmer mit Kiemen. Die Turnerin Christie Heinrich starb 1994 an den Folgen von Nahrungsmittelentzug und Zwangserbrechen. Sie war 22 Jahre alt und wog 23,5 Kilo. Der Schweizer Triathlet Ronnie Eberhart spritzte sich voll mit Mitteln, von denen er nichts wusste, ausser dass sie nützen. Als er damit aufhörte, starb er fast am Entzug. Birgit Dressel, die deutsche Vierkämpferin, starb ganz. In ihrem Körper wurden über 100 Präparate gefunden. Das Gift wusste nicht, dass sie ein Vorbild war.

Im Jahr 2000 kam das EPO, dann kamen die Testosteronpflas­ter, und seit 2005 gibt es das Gendoping. Allerdings ist an den Superkräften aus dem Genlabor zu zweifeln. Der Sportjournalist Remo Geisser beschrieb, wie die Testmäuse im Institut für Veterinärphysiologie der Universität Zürich meistens apathisch in ihren Käfigen herumhängen. Denn wenn die Muskeln zu sehr wachsen, können sie nicht mehr richtig kontrahieren. Das gilt insbesondere für das Herz. Amen.

Beim Doping gibt es nur zwei mögliche Positionen: Man ist dafür oder dagegen. Viele befürworten eine Freigabe des Dopings mit der Begründung, alles andere sei naiv, der Sport könne gar nicht mehr zurück und man solle nicht so scheinheilig tun. Ich persönlich bin anderer Meinung. Die Freigabe wäre faktisch ein Dopingobligatorium für alle Jungen, die es in ihrem Sport zu etwas bringen wollen. Doping für einen heisst Doping für alle – und zwar von Kindsbeinen an! Doping ist Betrug – Betrug am Gegner, am Wettbewerb und am Publikum. Eine Freigabe wäre eine Bankrotterklärung.

Bleibt die Frage, warum der Sport besser sein sollte als der Rest der Gesellschaft. Die Antwort ist einfach: Weil genau darin die Legitimation für seine Sonderstellung besteht. Weil Fairplay wichtig ist. Weil die Jungen glaubwürdige Idole brauchen, die nicht bei der erstbesten Urinprobe demaskiert werden. Weil man im Sport lernt, anständig zu gewinnen und anständig zu verlieren. Und weil Menschen inneres Feuer brauchen und nicht innere Aschenbecher.»