Weshalb, Frau von Mandach, sind Sie gegen die Todesstrafe?

20.06.2012
02/2012
  • Nachgefragt

Weil uns das Leben so viel wert ist. Das Leben ist unser höchstes Gut, und es muss besonders geschützt werden. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert uns allen, jedem Menschen, das «Recht auf Leben». Ausserdem verbieten die Menschenrechte jede «grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe». Mit einer Strafe sanktioniert zu werden, die uns das Leben nimmt, ist des Menschen nicht würdig. Es verletzt die Menschenrechte grundlegend.

Weil die Todesstrafe besonders grausam ist. Die Todesstrafe wird heute auf sechs Arten vollzogen: Die Verurteilten werden entweder erschossen, enthauptet, gehängt, auf den elektrischen Stuhl gesetzt, mit einer Giftspritze getötet oder gesteinigt. Bei der Steinigung im Iran wird die Person in der Regel bis zum Hals in die Erde eingegraben. Richter oder Zeugen werfen den ersten Stein. Der Tod tritt qualvoll und langsam ein. Aber jede Hinrichtungsform ist grausam. Die Menschen warten Jahre, zum Teil Jahrzehnte im Todestrakt, ohne zu wissen, wann sie an der Reihe sein werden.

Weil die Todesstrafe besonders ungerecht ist. Betrachtet man den sozialen Status und die Hautfarbe der in den USA zur Todesstrafe Verurteilten, so zeigt sich deutlich, dass der Anteil der afroamerikanischen Männer aus den unteren sozialen Schichten überproportional hoch ist. Auch in anderen Ländern sind Minderheiten und Minderbemittelte weit häufiger Opfer der Todesstrafe als Bessergestellte, die sich eine Rechtsvertretung leisten können. In Saudi-Arabien zum Beispiel wird die Todesstrafe mehrheitlich gegenüber Arbeitsmigranten aus Sri Lanka und Indonesien ausgesprochen.

Weil die Todesstrafe willkürlich ist. Die meisten Todesstrafen werden nicht wegen schwerer Gewaltverbrechen, sondern aus politischen Gründen vollstreckt. Die Todesstrafe dient in den meisten Ländern, wo sie noch praktiziert wird, als Herrschaftsinstrument. Sie bringt die Opposition zum Schweigen. China steht im Ranking an der Spitze. In diesem Land werden jährlich mehr Menschen exekutiert als im Rest der Welt zusammen. Das tatsächliche Ausmass der Anwendung der Todesstrafe ist jedoch unbekannt, die Information dazu wird als Staatsgeheimnis behandelt. Es ist die ­Rede von mehreren Tausenden.

Weil die Todesstrafe unwiderruflich ist. Gerichtsurteile jedoch können immer wieder revidiert werden. Eine Hinrichtung lässt sich nicht rückgängig machen. Und das Risiko, einen Unschuldigen hinzurichten, kann nie ausgeschlossen werden. Eine eindrückliche Zahl dazu: Seit 1973 wurden in den USA 139 zum Tode Verurteilte freigelassen, nachdem ihre Unschuld bewiesen worden war.

Weil die Todesstrafe nicht abschreckt. Genauso wenig wie Hände abhacken, Augen ausstechen, harte Gefängnisbedingungen als drakonische Strafen eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter haben, hat auch die Todesstrafe keinen Effekt auf die Kriminalitätsraten oder auf die Wahrscheinlichkeit, dass man erneut delinquent wird. Das hat man wissenschaftlich nachgewiesen. In Bundesstaaten der USA, in denen die Todesstrafe weiterhin praktiziert wird, sind die Kriminalitätsraten höher als in Bundesstaaten, wo man sie abgeschafft hat.

Weil es sie immer noch gibt. Glücklicherweise wurde die Todesstrafe in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern abgeschafft. In Europa wird sie nur noch in Weissrussland praktiziert. Dieser Abschaffungstrend ist erfreulich. Auf der anderen Seite existiert sie weiterhin. Letztes Jahr wurden 676 Menschen in 20 Ländern hingerichtet, und im Nahen Osten erhöhte sich die Zahl der offiziell bestätigten Hinrichtungen um beinahe 50 Prozent! 2000 Todesurteile wurden letztes Jahr ausgesprochen, und insgesamt sitzen weltweit rund 19 000 Menschen in Gefängnissen und warten auf die Vollstreckung des Todesurteils.

Weil wir etwas tun können. Wenn man gegen die Todesstrafe ist, dann kann man etwas tun. Mit Amnesty International fordere ich ihre weltweite Abschaffung! Im Moment engagiere ich mich für Sakineh Ashtian. Die 44-jährige Mutter zweier Kinder wurde wegen Ehebruch zum Tod durch Steinigung verurteilt. Wir alle können Einfluss nehmen.