Weshalb, Frau und Herr Breitenmoser, lohnt es sich, Wildkatzen zu schützen?

20.12.2013
04/2013
  • Nachgefragt

Das lohnt sich gar nicht. Im Gegenteil – das kostet! Zwar geben wir weltweit nicht gerade Unsummen für den aktiven Schutz der frei lebenden Katzen aus, aber indirekte Kosten oder entgangene Gewinne sind beträchtlich: Viehherden müssen gegen Luchse, Leoparden und Löwen geschützt werden, indische Tigerreservate dürfen von den Einheimischen nicht ausgebeutet werden, die Wälder des Amazonas dürfen nicht in Sojaplantagen und die auf Java nicht in Ölpalmplantagen umgewandelt werden, um dort Jaguar, Ozelot, Margay, Tiger und Nebelparder zu erhalten, und auf Borneo dürfen Wälder nicht zu Wegwerf-Essstäbchen verarbeitet werden, nur um die Borneokatze zu schützen, von der ohnehin noch nie jemand gehört hat. Also: Der Schutz dieser Arten lohnt sich für die Menschen nicht. Wohl bringen ein paar Touristen etwas Geld, wenn sie in der Serengeti Löwen und Geparden oder in Ranthambore Tiger fotografieren. Aber selbst da geht die Rechnung nicht auf: Löwen und Geparden bringen als Ziele für Trophäenjäger und Tiger als Rohstoff für die traditionelle chinesische Medizin ein Mehrfaches ein.

Aber bezieht sich das «lohnt» in Ihrer Frage vielleicht gar nicht nur auf wirtschaftliche Interessen? Dann sieht die Antwort anders aus! Abgesehen davon, dass ein paar unverwüstliche Weltverbesserer – zu denen wohl auch wir gehören – der Meinung sind, wir Menschen dürften nicht nur gewinnorientiert handeln, spielen gerade die Katzen bei der Erhaltung der globalen Biodiversität eine wichtige Rolle. Von der kleinen Schwarzfusskatze bis zum gewaltigen Tiger stehen sie in ihrer besonderen ökologischen Nische an der Spitze der Nahrungspyramide; sie sind sogenannte «Spitzenprädatoren». Prädation (das Erbeuten und Fressen eines Organismus durch einen anderen) spielt bei der Selektion (der evolutiven Auswahl) eine herausragende Rolle. Evolution ist aber nicht etwas, das sich in der Vergangenheit abspielte, sondern ein immerwährender Prozess. Die CBD (Biodiversitätskonvention) will daher

explizit nicht nur alle Arten, sondern auch deren Lebensräume, die genetische Vielfalt und damit die evolutiven Mechanismen erhalten. Dafür sind Löwe, Luchs und Co. besonders wichtig. Die charis­matischen Katzen sind auch ­hervorragende Botschafter für den umfassenden Naturschutz. Als «Flaggschiffarten» verkörpern sie nicht nur sich selbst, sondern stehen für ihren gesamten Lebensraum. Der Jaguar wird zum Symbol der unvorstellbaren Artenvielfalt des Amazonas, und mit einem Tigerreservat schützt man in Indien das gesamte Ökosystem der trockenen oder feuchten Wälder. Katzen sind für die Menschen Symbole – schauen Sie einmal, wie oft Katzen für Werbezwecke verwendet werden – für Freiheit, Kraft, Eleganz und Geheimnis. Kein «Global Player» würde sich um ein Waldschutzgebiet in Indien kümmern; aber wenn es um den Tiger geht, treffen sich Vladimir Putin, Robert Zoellick, Naomi Campbell, Leonardo DiCaprio und andere Grosse und Schöne zu einer gemeinsamen Konferenz.

Aus diesem Blickwinkel «lohnt» sich der Schutz der wilden Katzen besonders. Diese Argu­mentation setzt aber voraus, dass wir die Erhaltung der globalen ­Bio­diversität grundsätzlich als ein wichtiges Ziel anerkennen, und zwar nicht bloss aufgrund anthropozentrischer Überlegungen. Tatsächlich ginge es der Menschheit um keinen Deut schlechter, wenn es in der Schweiz keine Luchse und in China keine Tiger mehr gäbe. Wie wir es auch drehen und wenden: Wir kommen nicht darum herum, selbstständig und ungezwungen Verantwortung zu übernehmen.