Weshalb, Frau Belliger, sind Social Media so erfolgreich?

20.03.2013
01/2013
  • Nachgefragt

Social Media wie Facebook, YouTube, Twitter & Co sind so erfolgreich, weil sie Ausdruck des Zeitgeistes sind. Ausdruck der Denk- und Fühlweise unseres Zeitalters, die am besten mit dem Wort «connected» beschrieben wird. Wir leben in einer Welt, die online und offline von Netzwerken geprägt ist. Diese Netzwerke haben ihre ganz eigenen Normen und Werte. Und weil ja bekanntlich das Medium gleichzeitig auch die Botschaft ist, lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen.

Netzwerke sind zum Beispiel innovativ und smart, wenn sie heterogen sind. Netzwerke sind aber auch unkontrollierbar, paradox, selbstorganisierend und chaotisch. Führungspersonen müssen sich deshalb mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sich Netzwerke nicht top down steuern lassen. Netzwerke verlangen eine offene, selbstkritische, respektvolle und ehrliche Kommunikation. Trans­parenz ist ebenfalls zu einer Grundnorm der Netzwerkgesellschaft geworden. Wer heute als Firma oder als Person nicht transparent ist, ist suspekt. Und zudem ist Teilen angesagt. Das Credo der Netzwerkgesellschaft lautet: Nicht Wissen und Informationen hüten, sondern Wissen und Informationen teilen führt zu neuem Wissen. Wir teilen übrigens in sozialen Netzwerken Bilder, Texte, Gedanken, Ideen und unser Geld nicht, weil wir naiv oder exhibitionistisch wären. Wir teilen, weil wir einen Vorteil darin sehen. Teilen ist eine soziale Handlung. Sie verbindet uns, stellt Beziehungen her, bildet Vertrauen, und Fremde werden zu Freunden. Netzwerke sind zudem ständig im Fluss. Information und Wissen, die in Netzwerken fliessen, sind nie vollständig identifizier- oder nachvollziehbar. Man muss sich darauf einlassen, dass permanent Interaktionen und Kräfte zur Wirkung kommen, die sich nicht nach den Organisations­mus­tern der Hierarchie richten. Die Grundnorm des Fliessens bezieht sich aber auch auf uns selber: Wir sind heute nicht mehr ein Job. Wir sind eine Ansammlung von Kompetenzen in Informatik, Medizin oder Marketing. Wir müssen uns über die fachlichen Kompetenzen hinaus in einem ganzheitlichen Sinne darüber klar werden, welche Kombination von Kompetenzen wir morgen benötigen. Hierzu empfehle ich Ihnen den Text des Kanadiers Stephen Downes «Dinge, die wir wirklich lernen müssen» (http://bit.ly/2wJR6R). Er hat darin zehn Dinge aufgelistet, von denen er meint, dass wir – ob Kinder oder Erwachsene – sie unbedingt lernen müssen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Und das bringt mich zum nächs­ten Punkt, zum Grundsatz der Menschlichkeit und Empathie. In den so­zialen Netzwerken ist klar: Ohne Wirtschaftlichkeit geht es nicht, aber ohne Menschlichkeit geht gar nichts.

Eines scheint nach rund 20 Jahren Internet und sechs Jahren Social Media klar: Diese Medien und ihre Botschaft verändern unser Leben weitgehender und tief greifender als irgendeine andere Technologie zuvor. Durch die Allgemeinverfügbarkeit von Wissen und Information werden alte Besitzstände wertlos, die Gesellschaft teilt sich neu auf und lässt sich nicht mehr einfach durch bisher gültige Mechanismen verwalten und regieren. In Netzwerken gelten eigene Normen. Diese Normen sind mehr als Schlagworte. Sie sind eine Realität des gegenwärtigen Zeitgeistes. An ihnen werden wir als Unternehmer, Mitarbeitende, Eltern, als Politiker oder Lehrpersonen heute gemessen.

Sich in sozialen Netzwerken zu bewegen, sagte einmal jemand, ist wie «Exerzitien». Eine geistige Übung, die dazu geeignet ist, Wertemuster in Bewegung zu versetzen. Wenn man sich wirklich auf die neuen Möglichkeiten einlässt, ändert sich der Arbeitsstil, und nach einiger Zeit ändern sich auch die Einstellungen. Der Grund, weshalb Social Media so erfolgreich sind, liegt wohl darin begründet, dass sie uns teilhaben und teilnehmen lassen an einem grossen gesellschaftlichen Veränderungsprozess.