Wer ist Prof. Wolfgang Wohlers?

20.06.2007
02/2007
  • Interview

Warum haben Sie sich jemals für das Jurastudium entschieden?

Schon als Schüler hatte ich die feste Vorstellung, später einmal in einem Bereich tätig zu sein, der gesellschaftlich relevant ist und in dem man mit Texten arbeitet, gleichzeitig aber auf keinen Fall irgendwelche komplizierten mathematischen Berechnungen anstellen muss. Der konkrete Auslöser, dass ich mich für das Jusstudium entschieden habe, war dann ein Rechtskundekurs, der an meiner Schule von einem Richter gehalten wurde. Er hat es verstanden, mir die Augen dafür zu öffnen, dass es sich bei der Rechtswissenschaft, entgegen einer weit verbreiteten Meinung, eben nicht um eine trockene Materie handelt, sondern um eine Wissenschaft, die nach angemessenen Lösungen für menschliche und gesellschaftliche Probleme sucht – und dies auf der Basis eines gesunden Menschenverstandes und nicht mittels Formeln und Gleichungen.

Wo ist für Sie heute die Herausforderung, Recht zu praktizieren, Recht zu lehren oder über Recht zu schreiben?

Seit meinem Wechsel in die Schweiz beschränkt sich meine «praktische» Tätigkeit darauf, Gutachten zu erstellen. Die Arbeit an konkreten Fällen – und damit an konkreten Schicksalen – ist tatsächlich das Einzige, was ich ab und an vermisse.

Die Herausforderung in der Tätigkeit als Strafrechtsprofessor liegt für mich ganz eindeutig darin, über Publikationen und durch die Ausbildung zukünftiger Juristengenerationen Einfluss darauf zu nehmen, dass strafrechtlicher Zwang jetzt und in Zukunft verantwortungsbewusst zur Anwendung gebracht wird. Es ist mir wichtig, das Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass Strafrecht einerseits wohl eine unumgehbare Notwendigkeit, dass es aber andererseits auch ein höchst problematisches Instrument ist.

Gibt es ein berufliches Projekt, das Sie noch nicht in Angriff genommen haben, aber an dem Ihnen viel liegt?

Wenn man mit 38 Jahren auf ein Ordinariat an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich berufen wird, hat man eigentlich das erreicht, was es als Professor zu erreichen gibt. Sicherlich gibt es das eine oder andere Buchprojekt, das ich noch verwirklichen möchte und hoffentlich in den nächsten Jahren auch verwirklichen werde. Was mir derzeit aber wirklich am Herzen liegt, ist die Umsetzung einer Idee für eine neue Strafrechtszeitschrift, die die vorhandenen Zeitschriften nicht konkurrenzieren, sondern – meiner Überzeugung nach – sinnvoll ergänzen wird.

Gibt es neben Recht ein weiteres Gebiet, über das Sie gerne schreiben würden?

Ich lese zwar gerne Belletristik, ich sehe mich aber selbst nicht als Autor von Kurzgeschichten oder gar eines Romans. Grundsätzlich wäre ich an der einen oder anderen Frage aus dem Bereich der Philosophie interessiert; aber die Trennlinie zwischen der Behandlung philosophischer Fragestellungen einerseits und strafrechtlichen Grundlagenproblemen andererseits ist schwierig zu ziehen und deshalb wohl auch kein Feld, das man als «weiteres» Gebiet im Sinne Ihrer Frage auffassen könnte.

Welches Buch oder welche Bücher liegen neben der Fachliteratur auch noch auf Ihrem Nachttisch?

Zuletzt waren dies: Philip Roth, Everyman, John Updike, Terrorist, und Alaa Al Aswany, The Yacoubian Building. Derzeit sind es: Hisham Matar, Im Land der Männer, sowie Ian McEwan, On Chesil Beach.

Wie würden Sie ein Jahr Urlaub verbringen?

Durch die Welt reisen, interessante Orte besuchen, gut essen und lesen, viel, viel lesen.

Falls Sie einen Wunsch frei hätten, welches wäre Ihr grösstes Anliegen?

Abgesehen von dem, was man auf eine solche Frage üblicherweise antwortet (Weltfrieden, Gesundheit usw.) gibt es das eine oder andere Anliegen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt – diese Anliegen sind dann aber so persönlich, dass ich sie zwar guten Freunden offenbare, nicht aber in die (Me-dien-)Öffentlichkeit tragen möchte.