Wer ist Prof. Thomas Gächter?

20.09.2006
03/2006
  • Interview

Warum haben Sie sich jemals für das Jurastudium entschieden?

Vor der Matura war ich mir nicht ganz sicher, ob ich Germanistik und Geschichte oder Jura studieren sollte. Da ich unsere Lehrer am Gymnasium vor Augen hatte, die ihre Energie häufig an wenig motivierte Schüler verschwenden mussten, wollte ich nicht Mittelschullehrer werden. Auf diesen Beruf läuft ein Germanistik- und Geschichtsstudium aber häufig hinaus. Ich habe mich deshalb für das Jurastudium entschieden und diesen Entscheid, der mir wohl auch persönlich besser entspricht, nie bereut.

Wo ist für Sie heute die Herausforderung, Recht zu praktizieren, Recht zu lehren oder über Recht

zu schreiben?

Ich beschäftige mich zur Hauptsache mit Rechtsgebieten, die sich ständig im Fluss befinden (Sozialversicherungsrecht, Gesundheitsrecht, Ausländerrecht, Verwaltungsrecht). Mich reizt es, in diesem ständigen Fluss die Konstanten auszumachen und die über das Tagesgeschehen hinausweisenden Prinzipien dieser Rechtsgebiete herauszuarbeiten. Gerade diese sperrigen Rechtsgebiete stellen auch in der Lehre eine besondere Herausforderung dar: Man muss die Grundlinien der Gebiete herausarbeiten, ohne dabei den Blick auf die Fülle von Detailfragen zu verlieren.

Gibt es ein berufliches Projekt, welches Sie noch nicht in Angriff genommen haben, aber an dem

Ihnen viel liegt?

Mit meiner SNF-Förderungsprofessur, die ich im Mai 2004 angetreten habe, war ein grosses wissenschaftliches Projekt verbunden. Dieses trägt den Titel «Grundlagen des schweizerischen Sozialversicherungsrechts. Das schweizerische Sozialversicherungsrecht in seiner völker-, verfassungs- und sozialversicherungsrechtlichen Einbettung». Trotz meiner Berufung auf einen Zürcher Lehrstuhl ist es genau dieses gross angelegte Projekt, das ich in den nächsten Jahren vorantreiben und mit etwa zwei grösseren Publikationen abrunden möchte.

Gibt es neben Recht ein weiteres Gebiet, über das Sie gerne schreiben würden?

Gerade weil ich mich für viele andere Gebiete interessiere, habe ich mich für Recht als Hauptfach entschieden. Exkurse in die Philosophie, die Geschichte, die Theologie und die Literatur sind so immer irgendwie möglich. Leider bleibt es oft bei diesen Exkursen, für eine wirkliche Vertiefung fehlt einfach die Zeit.

Welches Buch oder welche Bücher liegen neben der Fachliteratur auch noch auf Ihrem Nachttisch?

Mit drei Kleinkindern zwischen acht Wochen und fünf Jahren bleibt leider kaum mehr Zeit für weitere Lektüre. Ich lese nur noch in den Ferien oder über Feiertage ausgewählte Literatur. Die drei letzten Bücher, die ich gelesen habe, stammen von Joseph Conrad, Markus Werner und Wolfgang Koeppen.

Wie würden Sie ein Jahr Urlaub verbringen?

Ein Jahr Urlaub könnte ich mir gegenwärtig schlicht nicht vorstellen. Ferien von mehr als zwei Wochen sind mir angesichts der Fülle von Projekten, die ich realisieren möchte, ein Gräuel. Ein volles Jahr Urlaub würde ich deshalb nicht etwa auf einer einsamen Insel verbringen, sondern vermutlich am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Sozialrecht in München für einen vertieften Forschungsaufenthalt nützen.

Falls Sie einen Wunsch frei hätten, welches wäre Ihr grösstes Anliegen?

Sobald man Kinder hat, ist die Richtung der Wünsche eigentlich klar: Man wünscht sich für sie und ihre Zukunft das Beste.