Wer ist Prof. Stephanie Hrubesch-Millauer?

20.06.2011
02/2011
  • Interview

Warum haben Sie sich für das Jurastudium entschieden?

Das Jurastudium ist eine grundlegende Wissenschaft, die das logische Denken und das strukturierte Lösen von Problemen vermittelt. Zudem hat man vielfältige Perspektiven nicht nur in juristischen, sondern auch ökonomisch und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Berufen. Diese offene Ausrichtung ist natürlich attraktiv für einen Studienanfänger bzw. eine Studienanfängerin.

Wo ist für Sie heute die Heraus­forderung, Recht zu praktizieren, Recht zu lehren oder über Recht zu schreiben?

Recht ist teilweise kompliziert. Vorlesungen, Seminare oder Übungen sollten spannend und praxisnah sein, gleichzeitig aber natürlich auch vertieftes Fachwissen und Grundlagen vermitteln. Die Erfüllung dieser Kriterien ist möglich, aber eine gute Balance zu finden, ist nicht einfach. Die Herausforderung in der Lehre besteht in einer guten Kombination.

Forschungsarbeit stellt eine andere Art der Herausforderung dar; die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen sowie deren wissenschaftliche Veröffentlichung verlangen nicht nur präzises Arbeiten und eine konzise Sprache, sondern auch eine gewisse Neugier und die Geduld, sich mit einer (kleinen) Thematik vertieft und lange zu befassen. Und natürlich sind dabei die korrekten wissenschaftlichen Arbeitsweisen einzuhalten.

Auch das Recht ist dem steten Wandel der Zeit ausgeliefert. Was hat sich seit Ihrem Studium verändert?

Der Gesetzgeber legt einen grossen Aktivismus an den Tag; viele gute Gesetze wurden erlassen oder revidiert, aber viele weisen auch handwerkliche Mängel auf. Rückblickend betrachtet glaube ich mich zu erinnern, dass die Qualität der Gesetze höher war – möglicherweise bin ich jetzt aber auch einfach nur etwas kritischer.

Zudem haben sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren natürlich die Medien und der Umgang mit dem Internet grundlegend verändert. Während meines Studiums waren Internetrecherchen entweder nicht existent bzw. unvollständig oder sehr aufwendig und teuer. Heute haben Sie schnellen und meist freien Zugriff auf eine unvorstellbar grosse Zahl von Dokumenten aus allen Rechtsgebieten und nahezu aus allen Rechtsordnungen. Unter anderem dadurch ist das Recht heute auch «internationaler» geworden.

Gibt es ein berufliches Projekt, welches Sie noch nicht in Angriff genommen haben, aber an dem Ihnen viel liegt?

Einer meiner Forschungsschwerpunkte liegt im Erbrecht. Das Erbrecht würde ich sehr gerne auch in anderen Rechtsordnungen näher betrachten und untersuchen.

Zudem interessiert mich die Thematik «Recht im Alter»; es ist ein Gebiet, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. Mit dem Älterwerden tauchen spezielle Rechtsfragen auf. Es stellen sich Fragen ausreichender Bevollmächtigungen (Vorsorgeauftrag, Patientenverfügung usw.), der angemessenen Versorgung, der Sicherung des Familienvermögens usw.

Gibt es neben Recht ein weiteres Gebiet, über das Sie gerne schreiben würden?

Da ich leidenschaftlich gerne Kriminalromane lese, könnte ich mir vorstellen, selbst knifflige Detektivgeschichten zu schreiben, so etwa in der Art von Agatha Christie mit ihrer Miss Marple oder ihrem Hercule Poirot.

Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zum spannenden, aber anstrengenden Berufsalltag?

Mit einer 50%-Professur an der Universität Bern habe ich ein angemessenes Verhältnis zwischen Familie und Freizeit auf der einen Seite und Arbeit auf der anderen Seite. Ich geniesse die Zeit mit meiner Familie sehr, freue mich aber auch, an der Universität arbeiten zu können. Den Berufsalltag empfinde ich deshalb nicht als anstrengend, sondern ebenfalls als eine Bereicherung.

Können Sie uns eine interessante Geschichte aus Ihrem Berufsalltag erzählen?

Als Gerichtsschreiberin und als Anwältin habe ich interessante Geschichten erlebt, manche lustig, andere traurig, tragisch und bisweilen gar grotesk. Diese unterliegen allerdings dem Berufsgeheimnis. Nur so viel sei gesagt: Es ist bisweilen erschreckend, wie stark bei manchen Menschen die Divergenz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung ist.

Im Universitätsalltag ist es immer wieder spannend, mit welchen Anfragen Studierende in den Vorlesungspausen zu mir kommen: Es geht um Probleme mit dem Vermieter, mit den Nachbarn, um dubiose Internetkäufe, um Hochzeiten, Versprechungen usw.

Über was können Sie lachen, was stimmt Sie traurig?

Es gibt im Leben bzw. in unserer Gesellschaft viele traurige Ereignisse und Situationen, die man ungeschehen machen oder verändern möchte. Schwer erkrankte, aber auch vernachlässigte und psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzte Kinder stimmen mich sehr traurig und machen einen selbst hilflos.

Lachen kann ich über vieles, auch über mich selbst. Nicolas Chamfort, ein französischer Schriftsteller (1741–1794), sagte: «Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht hat.» Dies ist wohl wahr.