Wer ist Prof. Dr. Markus Müller?

20.09.2010
03/2010
  • Interview

Warum haben Sie sich für das Jurastudium entschieden?

Das geschah im Ausschlussverfahren: Chemie, eines meiner Lieblingsfächer im Gymnasium, versprach mir beruflich keine wirklich interessante Perspektive. Ich befürchtete, als «kleiner Forscher» in der Abteilung Rattengift eines grossen Chemieunternehmens zu enden. Philosophie drohte zu einem brotlosen Unterfangen zu werden. Und Psychologie war mir irgendwie unheimlich, obwohl mich das Studium wohl von allen dreien am meisten fasziniert hätte. Also entschied ich mich schliesslich für Recht, das tönte solid, und mein Cousin war schliesslich auch Jurist, erst noch Dr. iur. Den Entscheid habe ich bis heute nicht bereut.

Wo ist für Sie heute die Heraus­forderung, Recht zu praktizieren, Recht zu lehren oder über Recht zu schreiben?

Als Rechtslehrer stehen für mich drei Herausforderungen im Vordergrund: Zuerst möchte ich den Studierenden begreiflich machen, dass es einerseits auch im (öffentlichen) Recht kaum Fragen gibt, die sich klar und eindeutig beantworten lassen, dies anderseits Juristen aber nicht davon dispensiert, stets klar Position zu beziehen und für ihre (momentane) Meinung engagiert einzutreten. Sodann liegt für mich ein weiteres Lehrziel darin, die Studierenden zum gelegentlichen Blick über die Fachgrenzen zu ermutigen, da viele juristische Fragen sich ohne Wissen aus anderen Disziplinen nicht wirklich beantworten lassen. Und schliesslich möchte ich den angehenden Juristinnen und Juristen ans Herz legen, ihre eigene juristische Arbeit mitunter aus der Optik des «juristisch unverdorbenen» Bürgers zu betrachten und kritisch zu hinterfragen. Als Rechtswissenschaftler besteht die Herausforderung darin, genügend Zeit zu finden, um meinen primären Forschungsauftrag als Universitätsprofessor zu erfüllen: die Klärung rechtsdogmatischer Fragen.

Auch das Recht ist dem steten Wandel der Zeit ausgeliefert. Was hat sich seit Ihrem Studium verändert?

Vieles ist gleich geblieben, so etwa die Klagen über die Normenflut und -qualität oder das Jammern über die ständig zunehmende Komplexität der rechtlichen Problemstellungen. Es hat sich aber auch einiges wirklich geändert. So haben in den vergangenen Jahren vor allem die Internationalisierung des Rechts und die Migrationsproblematik im öffentlichen Recht markante Veränderungen bewirkt. Und schliesslich hat sich auch das Rechtsstudium stark gewandelt: Dieses war zu meiner Zeit nur sehr grob strukturiert. Jeder und jede musste sich seinen/ihren Weg selber suchen. Heute ist man mit der Bologna-Reform ins Gegenextrem verfallen: Die Struktur des Studiums ist bis in die Details geregelt. Detaillierte Stundenpläne weisen den Studierenden den direktesten Weg, und die ETCS-Punktewertung verhindert, dass «zu viel» studiert wird. Erklärtes Ziel ist heute, das Studium möglichst rasch, ohne links und rechts zu schauen, zu beenden, um ohne Verzug in der Praxis zu funktionieren. Ob dies dem «Erfinder» des Universitätsstudiums gefallen würde, wage ich zu bezweifeln.

Gibt es ein berufliches Projekt, welches Sie noch nicht in Angriff genommen haben, aber an dem Ihnen viel liegt?

Eigentlich habe ich mit der so­eben im Stämpfli Verlag publizierten Schrift «Psychologie im öffentlichen Verfahren. Eine Annäherung» ein mir wichtiges, lang gehegtes Projekt realisiert. Ich kann mir aber vorstellen, dass es an den Schnittstellen von Psychologie und Recht noch weitere Projekte gibt, die mich dereinst reizen könnten.

Gibt es neben Recht ein weiteres Gebiet, über das Sie gerne schreiben würden?

Ja, durchaus. Ich würde gerne Geschichten erzählen. Ganz normale Geschichten, die das Leben so schreibt oder schreiben könnte. Mein Pseudonym als Schriftsteller wüsste ich bereits.

Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zum spannenden, aber anstrengenden Berufsalltag?

Mit Musik und Sport. Am liebs­ten kombiniert, z.B. im Winter: langlaufend mit dem iPod im Ohr.

Können Sie uns eine interessante Geschichte aus Ihrem Berufsalltag erzählen?

Als Uniprofessor erlebe ich fast täglich irgendwelche kleinere oder grössere interessante Geschichten. Das erachte ich als ein Privileg meines Berufs. Die meis­ten eignen sich aber aus verschiedenen Gründen nicht zum Weitererzählen.

Über was können Sie lachen, was stimmt Sie traurig?

Ich muss jedes Mal wieder laut lachen, wenn ich den Studierenden die Verhaltensregeln vorlese, die beim Zusammentreffen mit einem Braunbären im Nationalpark zu beachten sind («1. Tun Sie alles, um ruhig zu bleiben. 2. ... usw.»). Generell bringen mich Dinge zum Lachen, die eigentlich niemand wirklich ernst meinen kann, die man aber offensichtlich doch sehr ernst meint. Das gilt etwa für die Verwendung vieler Begriffe aus der Managementsprache in der öffentlichen Verwaltung. Der «Managementplan für den Braunbären in der Schweiz» – um beim Thema Bär zu bleiben – ist da nur ein ganz harmloses Beispiel. Allerdings vergeht mir das Lachen dann meis­tens relativ schnell, wenn ich die Ernsthaftigkeit dieser Sprachverwendungen erkenne und vor allem die Konsequenzen, die daraus gezogen werden. – Traurigkeit gibt es für mich nur im Privatleben. Im beruflichen Umfeld heisst das Analogon «Ärger». Ich gehöre zu jenen Naturen, die Ärger durchaus kennen und ihn häufig (leider) nur schlecht verbergen können.