Wer ist Prof. Dr. Alain Griffel?

19.09.2008
03/2008
  • Interview

Warum haben Sie sich für das Jurastudium entschieden?

Im Aufgabenzimmer meiner Mittelschule stand ein ZGB. Dass sich eine Gesellschaft über abstrakte Sätze organisiert wie «Jedermann hat in der Ausübung seiner Rechte und in der Erfüllung seiner Pflichten nach Treu und Glauben zu handeln», faszinierte und irritierte mich. Ich wollte genauer wissen, wie das funktioniert.

Auch das Recht ist dem steten Wandel der Zeit ausgeliefert. Was hat sich seit Ihrem Studium verändert ?

Vieles! Neben der Internationalisierung des Rechts ist in erster Linie die immer höhere Kadenz von Gesetzesrevisionen zu nennen. Dabei hat die Qualität der Gesetzgebung nicht zu-, sondern abgenommen. Die Arbeit des Gesetzgebers gleicht heute immer häufiger einer unausgereiften Bas-telei. So kommt es bereits vor, dass Gesetze noch vor ihrem Inkrafttreten revidiert werden müssen.

Besonders nachdenklich stimmt mich aber, dass das Bewusstsein für rechtsstaatliche Errungenschaften unserer Zivilisation – die keineswegs selbstverständlich sind – seit einigen Jahren im Schwinden begriffen ist. Die Volksinitiative zur faktischen Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts ist dafür ein typisches Beispiel.

Gibt es ein berufliches Projekt, das Sie noch nicht in Angriff genommen haben, aber an dem Ihnen viel liegt?

Ich möchte einmal eine «Theorie des Allgemeinen Verwaltungsrechts» verfassen. Das Verwaltungsrecht ist – trotz seiner etwas unglücklichen Bezeichnung – eine faszinierende, wenn auch von vielen Studierenden gefürchtete Materie. Seit einigen Jahrzehnten ist die Dogmatik des Verwaltungsrechts jedoch ein wenig erstarrt.

Bei der heutigen Belastung eines Professors mit Prüfungen und Administration ist es allerdings wenig wahrscheinlich, dass ich das Projekt vor meiner Emeritierung im Jahr 2027 werde realisieren können.

Gibt es neben Recht ein weiteres Gebiet, über das Sie gerne schreiben würden?

Ich würde gerne über politische, gesellschaftliche und zeitgeschichtliche Themen schreiben. Allerdings ist der Übergang zu staats- und umweltrechtlichen Fragen, die zu meinem engeren Arbeitsgebiet gehören, fliessend.

Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zum spannenden, aber anstrengenden Berufsalltag?

Ich erhole mich so oft wie möglich zu Fuss in der Natur. Auch meine Familie erinnert mich (glücklicherweise) immer wieder daran, dass es neben dem Beruf noch anderes gibt.

Wie würden Sie ein Jahr Urlaub verbringen?

Viel lesen, viel schreiben, viel wandern. Dazwischen ab und zu ein Konzert- oder Theaterbesuch.

Über was können Sie lachen, was stimmt Sie traurig?

Lachen kann ich über das Webportal www.meinprof.ch. Hier wird der Trend zur «Evaluationitis» offensichtlich ad absurdum geführt. Traurig stimmt mich, wie wir weltweit, aber auch in der Schweiz mit der Natur und der Umwelt umgehen. Als handelte es sich dabei um einen Verbrauchsartikel der heutigen Generation.