Wahrnehmung von Farbe

20.09.2016
03/2016
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Wir alle sehen Farben. Aber sehen wir auch alle dasselbe? Wie weiss ich, dass ich Farben gleich wahrnehme wie meine Familie oder meine Arbeitskolleginnen und -kollegen? Wie können wir überhaupt Farben sehen – und was ist Farbenblindheit? 

Eines vorweg: Die echte Farbenblindheit, die Achromasie, ist ausgesprochen selten und geht immer mit einer schweren Sehschwäche und starker Lichtempfindlichkeit einher. Die Betroffenen können nur verschwommene, graue Hell-dunkel-Kontraste wahrnehmen. Wer landläufig als farbenblind bezeichnet wird, hat in der Regel eine Farbschwäche, auch Farbfehlsichtigkeit genannt. 

Das menschliche Auge hat zwei Typen von Lichtsinneszellen: zum einen die Stäbchen, die fürs Sehen bei wenig Licht zuständig sind und keine Farben unterscheiden (deshalb sind nachts alle Katzen grau), und zum andern Zäpfchen, die dafür sorgen, dass wir Farben unterscheiden können. Von diesen Zäpfchen gibt es drei Arten. Die einen erfassen langwelliges Licht (rot), die andern mittelwelliges (grün) und die dritten kurzwelliges (blau). Wenn nun eine dieser drei Zäpfchenarten gar nicht oder nicht richtig funktioniert, dann ist die Wahrnehmung der betreffenden Farbe gestört. Dies hat allerdings nicht nur auf diese Farbe allein, sondern vor allem auch auf sämtliche Mischfarben einen Einfluss. So sind dann Farbtöne wie Braun, Orange, Violett meist das grössere Problem als die Grundfarben. 

Vor allem Männer betroffen

Bei einer angeborenen Farbschwäche sind in den allermeisten Fällen die Zäpfchen für Rot und/oder jene für Grün nicht oder nur eingeschränkt funktionstauglich, eine Blauschwäche ist hingegen meist die Be-gleiterscheinung einer Erkrankung. Da die Rot-Grün-Schwäche einen Gendefekt darstellt, der auf dem X-Chromosom liegt und zudem rezessiv ist, sind Männer viel häufiger davon betroffen: Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom, ein Defekt auf dem X führt bei ihnen deshalb in jedem Fall zur Farbschwäche, während Frauen diesen Defekt mit der intakten Erbinformation auf dem zweiten X-Chromosom sozusagen übersteuern können. Bei Frauen tritt eine solche Schwäche nur in Erscheinung, wenn beide X-Chromosomen diese Information enthalten, also beide Eltern Träger des Gendefekts sind.

Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, wie Personen mit einer Farbschwäche denn letztlich ihre Umgebung wahrnehmen. Es gibt unterschiedlich starke Ausprägungen und zahlreiche Varianten der Fehlsichtigkeit. Ob überhaupt eine Farbschwäche vorliegt, wird anhand der bekannten Ishihara-Tafeln festgestellt. Diese zeigen aus farbigen Punkten zusammengesetzte Zahlen vor farbig gepunktetem Hintergrund. Je nach Schwäche heben sich diese Zahlen für den Betrachter nicht vom Hintergrund ab und sind somit nicht sichtbar. Mittels des Farnsworth-Tests, bei dem Farbtöne nach Intensität geordnet werden müssen, können zudem die Art und die Ausprägung der Fehlsichtigkeit genauer bestimmt werden. Einen dritten Test, die Anomaloskopie, führt der Augenarzt oder der Optiker mit einem Betroffenen durch: Auf einer zweigeteilten Scheibe ist eine Hälfte gelb. Der Prüfling soll nun auf der anderen Hälfte der Scheibe diesen Gelbton aus Rot und Blau nachbilden. Dabei wird er unwillkürlich von seiner «schwachen Farbe» zu viel beimischen, bis das Gelb in seiner Wahrnehmung stimmt. Die Differenz zwischen der Referenzfarbe und der tatsächlich gemischten Farbe ergibt dann den Anomaliequotienten, das heisst den Schweregrad der Farbfehlsichtigkeit.

Christian Stämpfli

Eingeschränkte Berufswahl

Gewisse Berufe können mit einer Farbschwäche nicht ausgeübt werden. So gelten für Berufspiloten, Lokomotivführer und Polizisten entsprechende Richtlinien, und auch bei den Polygrafen wird anlässlich des Eignungstests eine allfällige Farbschwäche abgeklärt.

Und der Alltag?

Sonst sind Personen mit einer Farbschwäche im Alltag jedoch meist nicht besonders stark beeinträchtigt beziehungsweise lernen sie, mit einfachen Tricks die bestehenden Klippen zu umschiffen. So erzählt beispielsweise Hanspeter Wöhrle, ein Betroffener bei Stämpfli, dass er grundsätzlich nur schwarze Hosen kaufe und sich zu den Krawatten die Nummern der dazupassenden (durchnummerierten) Hemden notiere. So kann er sicherstellen, dass er sich zum lila Hemd keine braun gemusterte Krawatte umbindet. Den roten und den blauen Stift auf meinem Schreibtisch bezeichnet er problemlos, der orange und der grüne Leuchtstift sehen für ihn hingegen gleich aus, da muss er raten – und darin ist er offensichtlich geübt. Auch erzählt er, dass er beim Farbabgleich an der Druckmaschine keine Probleme habe. Das Vergleichen von Farben sei nicht das Problem, ob ein Bild jedoch zu viel Rot oder zu viel Gelb enthalte, das zu beurteilen, überlasse er dann doch lieber dem Druckfachmann.

Christian Stämpfli erzählt, dass er mit seiner Rot-Grün-Schwäche bereits als Kind erste Erfahrungen gemacht habe, indem er etwa auf einen speziellen braunen Baum aufmerksam machen wollte, der aber für alle anderen ganz gewöhnlich grün war. Seine Mutter erinnert sich zudem, dass die Unterscheidung der verschiedenfarbenen Nespresso-Kapseln auch nicht immer gelang. Ganz klassisch waren auch die Situationen in der Schule, in denen Christian seinen Pultnachbarn fragen musste, wenn er auf der projizierten Folie die roten und grünen Markierungen nicht voneinander unterscheiden konnte. Und Fernsehsport kann so seine Tücken haben, wenn etwa eine Mannschaft hellrote Trikots trägt, die sich vom grünen Rasen kaum abheben. Generell ist die Farbschwäche für Christian im Alltag aber kein wirkliches Hindernis, er muss sich einfach stärker konzentrieren und sich auch mal helfen lassen. Oft führt sie sogar zu lustigen Situationen, wenn er Fragen stellt, wo für andere alles klar ist. Was ihn aber zuweilen etwas betrübt, ist, dass für ihn ein Regenbogen ziemlich trist aussieht und nur aus einem blauen und einem gelben Streifen besteht. Zu gern wüsste er, wie ein Regenbogen und überhaupt die Welt für Menschen ohne Farbschwäche aussehen.


Farbe als Zugabe

Es gibt Menschen, die bei der Wahrnehmung mehrere eigentlich unabhängige Sinne koppeln. Sie sehen, was sie hören, oder spüren, was sie sehen, oder riechen, was sie spüren usw. Die Art der speziellen Wahrnehmung kann sehr unterschiedlich sein, deren Erscheinungsweise ist aber beim Einzelnen konstant.

Solche Menschen bezeichnet man als Synästheten oder Synästhetiker. Oft werden sie sich der Besonderheit ihrer Wahrnehmungen erst allmählich bewusst. Sie ist für sie seit dem Kindesalter selbstverständlich, sie kennen nichts anderes. Bei ihnen löst ein Sinnesreiz einen zusätzlichen Sinnesreiz aus, sodass Kombinationen entstehen, etwa farbiges Sehen von Buchstaben, Bewegungen, die von Klängen begleitet werden, oder auch Geräusche, die Formen annehmen. 

So beschreibt etwa Marky Goldstein, dass vor seinem geistigen Auge der Klang verschiedener Instrumente unterschiedliche Farben hat. Während für ihn zum Beispiel das Piano elfenbeinfarben klingt, ruft der Bass ein Schwarzbraun hervor und die akustische Gitarre ein schönes Gold. Der Synthesizer hingegen evoziert mit seinen vielen Klangfarben auch tatsächlich verschiedene, meist klare und intensive Farben.