Vom Buchbinder zum Printmedienverarbeiter

20.03.2007
01/2007
  • Porträt

Unter den herstellenden Tätigkeiten in unserem Hause ist jene der Buchbinder eindeutig die älteste. Lange bevor Gutenberg seine Erfindung mit den beweglichen Bleilettern und den Druckpressen machte, gab es den Buchbinder, der die von Hand beschriebenen Blätter zu einem Buchblock zusammenfügte und sie mit einem kunstvollen Einband aus verschiedenen Materialien versah. Mit der aufkommenden Massenproduktion von Drucksachen im 19. Jahrhundert veränderte sich das Berufsbild insofern, als zuerst Scharen von Hilfskräften und mit der Zeit Maschinen zum Falzen, Zusammentragen, Heften und Schneiden der Druckbogen zum Einsatz kamen. Das hatte zur Folge, dass die gelernten Buchbinder – abgesehen von der Einzelanfertigung und den Buchreparaturen – eigentlich immer Führungsaufgaben zu übernehmen hatten und Gruppen von Angelernten vorstanden.

Letztmals erfuhr die Grundbildung der Buchbinder im Jahre 1992 eine Neuregelung. Damals bekamen die Hilfskräfte in den Buchbindereien die Möglichkeit, eine zweijährige Ausbildung als Druckausrüster zu absolvieren.

Inzwischen ist auch im Bereich der Buchbinderei die Entwicklung nicht stillgestanden. Wer sich in unserer Buchbinderei umsieht oder sich die Beilagentransportanlagen bei espace media  anschaut, für den ist dies offensichtlich: Die Maschinen wurden schneller, komplizierter, variantenreicher und zunehmend mit EDV gesteuert. Wie Urs Schurter von espace media bestätigt, kam der Ruf nach Ausbildung von Berufsleuten, welche die komplexen Anlagen der Versandtechnologie zu bedienen wissen, aus dem Kreise der Zeitungshersteller. Viscom befürchtete, Teile der Drucksachenverarbeitung könnten an berufsfremde Kräfte wie etwa Polymechaniker über­gehen und damit in einen unerwünschten Einflussbereich geraten. Der Arbeitgeberverband beauftragte im Jahre 2000 die Berufsbildungsstelle für visuelle Kommunikation (PBS), die Ausbildungsreglemente zu überarbeiten. Diese setzte hierauf eine Arbeitsgruppe ein, die in den folgenden Jahren ein neues Konzept ausarbeitete. Offensichtlich gab es da­rüber erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Vor allem zeigten sich unterschiedliche Interessen der kleinen und der grösseren Betriebe. Immerhin ist es schliesslich zu einer Einigung gekommen, sodass das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) am 30. Dezember 2005 die neue Verordnung über die berufliche Grundbildung in Kraft setzen konnte. Auffällig ist, dass die Verordnung als Oberbegriff der Berufsgruppe nicht mehr Buchbinder nennt, sondern

Printmedienverarbeiter.

Raul Màs, Paul Gerber und Lorenzo Steens, unsere Verantwortlichen in diesem Bereich, sind über die Wahl dieses Ausdrucks nicht gerade glücklich: Trotz der heute wenig genauen Bezeichnung Buchbinder sei der Ausdruck doch verständlich und griffig gewesen. Innerhalb dieses Oberbegriffes sind vier Fachrichtungen vorgesehen:

1. Bindetechnologie

Der Bindetechnologe lernt vier Jahre und entspricht den Anforderungen in unserem Betrieb. Unsere Verantwortlichen gehen davon aus, dass sich in der Ausbildung der bei uns Lernenden gegenüber heute nicht viel ändern werde. Kleinere Betriebe werden nach ihrer Einschätzung eher Mühe haben, denn neben den Anforderungen an die Ausbilder ist diejenige an den Maschinenpark erheblich. Die beiden Fachleute, die ihre Kraft auch bei der schulischen Ausbildung einsetzen, sind zuversichtlich, dass der Beruf in Zukunft weiterhin von guten Primarschülern und Frauen mit einiger Robustheit erlernt werden kann. Gegenwärtig sind bei Stämpfli zwei Personen in der Ausbildung. Vorgesehen ist die Aufnahme je einer Lernperson pro Lehrjahr. Im Gegensatz zu andern ist der Andrang zu den Berufen der Printmedienverarbeiter allerdings nicht sehr gross.

2. Buchbinderei

Der Buchbinder, der den alten Namen beibehält, lernt ebenfalls vier Jahre und verschreibt sich der Handarbeit, der Einzelanfertigung und der Reparatur. Paul Gerber und Raul Màs denken, dass sich diese Sparte eher zum Kunsthandwerk entwickeln wird. Sie selber werden keine Buchbinder ausbilden, obwohl Einzelanfertigung als Muster und als Dienstleistung angeboten wird. Sie rechnen mit einer gewissen Durchlässigkeit der verschiedenen Fachrichtungen nach der Grundausbildung, d.h., dass sich geeignete Fachkräfte auch in Zukunft finden lassen.

3. Versandtechnologie

espace media bildet zurzeit zwei Personen zu Versandtechnologen aus. Ihre Ausbilder erfahren in Lehrmeisterkursen eine gründliche Vorbereitung auf ihre Aufgabe. Urs Schurter erwartet, dass das neue Berufsbild den wachsenden Anforderungen im Versandraum besser gerecht wird, dass diese Sparte Ansehen gewinnt und sich damit ein gewisser Berufsstolz entwickeln kann. Dass etwa Polymechaniker oder Programmierer den Papierfachmann verdrängen werden, glaubt Paul Gerber nicht, denn neben den Apparaten und Maschinen stehe doch nach wie vor der Werkstoff Papier im Vordergrund, den man eben in einer Printmedienverarbeiterlehre am besten kennen lerne.

4. Druckausrüster

Über die Dauer der Ausbildung des Druckausrüsters ist manche Diskussion entbrannt. Einerseits hätte man gerade der grossen Zahl von Ausländern und ihrer Sprachprobleme wegen eine kurze, praktische Ausbildung von zwei Jahren beibehalten wollen. Ausschlaggebend für die Erweiterung um ein Jahr dürfte schliesslich gewesen sein, dass ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis eine mindestens dreijährige Ausbildung voraussetzt. Ausserdem beobachten unsere Ausbildungsverantwortlichen, dass es heute weniger die Hilfskräfte sind, welche diese Möglichkeit anpeilen, sondern vorwiegend junge Frauen und Männer als Erstausbildung. Sie könnten sich vorstellen, künftig auch Druckausrüster auszubilden.

Berufsschule

Für die Fachrichtungen 1 bis 3 sind 2120 Lektionen, für die Druckausrüster 1760 Lektionen (Berufskunde, Allgemeinbildung, Sport) vorgesehen; d.h., die Lernperson ist dreieinhalb Tage im Betrieb und anderthalb Tage in der Schule. Schulorte für die Deutschschweiz sind Bern und Zürich. 

Der Verfasser dankt Hanspeter Meier, Leiter der PBS, für die Unterlagen, die diesem Beitrag zugrunde liegen.