Übersetzer zwischen den Kulturen

20.12.2014
04/2014
  • Interview

USA-Korrespondent Arthur Honegger berichtet seit über sechs Jahren aus den Vereinigten Staaten. Jetzt legt er mit «Abc 4 USA – Amerika verstehen» ein Buch vor, in dem er dem Leser das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf ebenso informative wie amüsante Weise näherbringt.

Ihr Buch heisst «Abc 4 USA – Amerika verstehen». Reicht ein Buch aus, um ein Land zu verstehen?

O nein, so ist der Titel nicht gedacht. «Amerika verstehen» ist mehr ein Aufruf, sich über dieses Land zu informieren, und das Buch ist, denke ich, ein guter Start.

Gibt es denn zu wenig Verständnis für die USA?

Ich beobachte, dass zwar praktisch alle Leute ein Amerikabild haben, oft aus Filmen und aus dem Fernsehen – gleichzeitig weiss man über Geschichte und Gesellschaft der USA relativ wenig.

Darum dieses Abc.

Genau. Der Titel «Abc 4 USA» ist auch ein Hinweis auf die Form des Buches: 300 Kurztexte im Stil von Zeitungskolumnen, alphabetisch geordnet. Ich beschreibe Personen und Ereignisse der US-Geschichte oder erzähle von persönlichen Erlebnissen.

Wie haben Sie die Begriffe ausgewählt?

Ganz amerikanisch: Ich habe ein Casting gemacht (lacht). Im Ernst: Zuerst habe ich eine lange Liste erstellt, mit Inputs von mir, meiner Frau und von Freunden. Vieles musste ich dann wieder streichen, das Buch hat ja nicht 3000 Seiten. Danach habe ich via soziale Medien das Publikum einbezogen: Was fällt euch zu Amerika ein, was interessiert euch? So merkte ich, ob ich auf dem richtigen Weg war.

Haben Sie einen Lieblingsbegriff?

Sehr gerne habe ich natürlich über Dinge geschrieben, die ich mag: Johnny Cash, Zeitungen, Nationalpärke. Wichtig war mir zudem, bei Themen des Zeitgeschehens – Krieg, Geheimdienste, Terrorismus – die amerikanische Perspektive aufzuzeigen.

Schreiben Sie auch über Dinge, die Sie nicht mögen an den USA?

Ja klar. Valet Parking zum Beispiel – da ist ein regelrechter Verriss im Buch, ich bin ein leidenschaftlicher Gegner dieses Parkservice. Die grösste Herausforderung aber waren jene Texte, die sich mit komplexen sozialen Fragen wie Armut oder Rasse beschäftigen. Solchen Themen in einem kurzen Text gerecht zu werden, ist nicht leicht.

Was ist mit aktuellen Streitfragen, haben Sie diese heissen Eisen auch angefasst?Absolut. Im Buch finden sich Texte zu Guantànamo und zum Irak, zu Terrorismus und zur Todesstrafe. Ich versuche aber, nicht in ein Richtig-falsch-Schema zu verfallen. Die Leser sollen selber entscheiden, wie sie darüber denken. Genau wie in meinem Alltag als Korrespondent, da sage ich ja auch nicht: Dieser Politiker hat recht, der andere nicht. Meine journalistische Haltung, im Fernsehen wie im Buch, ist die eines Übersetzers. Ich will Dinge verständlich machen; ich bin quasi Übersetzer zwischen den Kulturen.

Klingt, als ob Sie darin eine Art Lebensaufgabe sehen.

Das geht etwas weit. Aber es ist schon so, dass die USA ein Teil meines Lebens sind – meine Frau und ich sind 2008 in die Staaten gezogen, seither haben wir an vier verschiedenen Orten gewohnt: in einem New Yorker Trendquartier, einem Arbeiterviertel, im Botschaftsquartier von Washington, in einer klassischen US-Vorstadt. Wir haben die USA aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erlebt.

Inwiefern hat Ihre Arbeit Ihr Amerikabild geprägt?

Sie erlaubt mir nicht nur, mich vertieft in diverse Themen einzuarbeiten, sie hat mich auch in praktisch jede Ecke des Landes geführt: Von 50 Staaten habe ich bis heute 47 besucht. Auf meinen Reisen sehe ich mehr vom Land als viele andere, mehr auch als die meisten Amerikaner. Als Journalist begegnet man den ganz Reichen und den ganz Armen, den Trendsettern und den Traditionalisten. Je mehr ich von diesem Land sehe, desto faszinierender finde ich es.