Schriftmusterbücher

20.12.2007
04/2007
  • Rückblick

«Schon seit längerer Zeit hegten wir den Wunsch, für unsere werten Kunden und Geschäftsfreunde eine handliche und übersichtliche Sammlung verschiedenster Satz- und Druckmuster herzustellen. Diesem Wunsche konnte nunmehr entsprochen werden und gereicht es uns zum Vergnügen, Ihnen ein Exemplar dieses Musterbuches zuzustellen. Wir geben uns dabei der angenehmen Hoffnung hin, dass Sie recht oft Veranlassung finden, dasselbe für Ihre Aufträge zu Rathe zu ziehen.»

Dieser werbende Satz steht am Anfang eines 276-seitigen, sorgfältig und aufwendig gestalteten, mehrfarbig gedruckten Buches mit kunstvoll geprägtem Leineneinband, das die Stämpfli’sche Buchdruckerei Bern ihren «werthen Freunden und Gönnern» auf Neujahr 1891 zukommen liess. In einem «I. Theil» wird eine beachtliche Auswahl an Antiquaschriften vorgestellt, zuerst die verschiedenen Grade, Lagen und Stärken von Mediävalschriften, was wir heute als Renaissance- oder Barockantiqua bezeichnen würden. Es folgen Beispiele klassizistischer Antiqua, z.B. eine «Bundesblatt Borgis (9 Punkt)», Egyptiennes-, Grotesk-, Fantasie-, Zier- und Schreibschriften, die zum Teil mehrfarbig dargestellt werden. Selbstverständlich umfassen die meisten Schriften Grade von 6 bis 20, 24 und mehr Punkt sowie kursive, halbfette, schmale und breite Versionen. Griechisch und Musiknotensatz schliessen diesen Teil ab.

Der «II. Theil» enthält verschiedene Frakturschriften, da «doch die Zahl der Anhänger der deutschen Schriften immer noch eine grosse» sei. Den Schluss bilden mannigfaltige Druckmuster, Gedicht-, Fahrplan- und Tabellensatz. Jede Seite ist mit einer einzigartigen farbigen Umrandung aus typografischen Schmuckstücken eingerahmt, die kein zweites Mal vorkommt.

Schriftproben zwischen 1904 und 1963

Zwischen 1904 und 1915 gab es drei Nachträge zu dieser Schriftprobe, in denen dem herrschenden Jugendstil Rechnung getragen wird und auch die Produkte der Setzmaschine eine Rolle zu spielen beginnen. Ausserdem kommen Kursbuchzeichen, astronomische, mathematische, meteorologische und chemische Zeichen zum Zuge sowie jede Menge Ornamente. Eine vollständige Schriftprobe aus dem Jahre 1924 wirkt wiederum wesentlich nüchterner, und zwei Nachträge dazu aus den Jahren 1935 und 1941 enthalten die Schriftschöpfungen jener Jahre, die zum Teil an die Bauhausära erinnern. 1952 erschien wieder eine vollständige, fast 200-seitige Schriftprobe und 1963 eine Kassette mit elf nach Schriftfamilien, Linien und Ziermaterial, Ziffern, Zeichen, Plakatschriften und «Schreibsatz» geordneten Heften. Beim «Schreibsatz» handelte es sich um die erste zaghafte Abkehr vom Bleisatz. Mithilfe einer Schreibmaschine mit auswechselbaren Kugelköpfen konnten erstmals Druckschriften und Zeichen direkt auf Papier übertragen werden.

Vorgängerausgaben

Bereits vor 1891 hatte Stämpfli den Kunden Schriftmusterbücher in etwas bescheidenerer Form vorgelegt, das eine im Oktober 1882 mit dem damals gerade mal fünfjährigen Gebäude an der Hallerstrasse auf der Titelseite, das andere wohl etwas später. Darin sind die Schriftgrössen mit den alten Namen bezeichnet wie Nonpareille (6), Petit (8), Borgis (9), Garmond (10), Cicero (12), Mittel (14), Tertia (16), Text (20) und Doppelmittel (28).

Platzbedarf und Kostenaufwand

Wer heute eine geschützte Schrift bestellt, tut das mit wenigen Klicks im Internet und bezahlt pro Schrift etwa 20 Euro, oder er lässt sich ganze Serien von Schriften auf einer CD-ROM zusenden. Zu Zeiten des Bleis war das wesentlich komplizierter und kostspieliger. Jeder Schriftgrad, jede Lage, Stärke usw. wurde in sogenannten «Minima» zu etwa 500 Franken bei Schriftgiessereien im In- und Ausland bestellt und in je einen Schriftkasten eingerafft, wobei pro Kasten gewöhnlich vier Minima nötig waren.

Der Platzbedarf für die vielen Grössen und Ausprägungen der angebotenen Schriften war enorm. Als der Verfasser dieser Zeilen nach seiner Schriftsetzerlehre in einem Kleinbetrieb seine erste Stelle in einer Zürcher Grossdruckerei antrat, sagte er sich am ers-ten Morgen angesichts des Setzersaales mit den Hunderten von Schriftkasten, aus denen man die einzelnen Zeichen zum Satz zusammenfügte und in die man die Lettern nach erfolgtem Druck wieder ablegte: Da findest du dich nie zurecht! Ein paar Tage später hatte er es wie alle seine Kollegen (Kolleginnen gab es damals noch nicht) leidlich im Griff.