Schönschrift nach chinesischer Art

20.09.2006
03/2006
  • Porträt

In England schicken wohlhabende Familien bereits ihre Vierjährigen zu chinesischen Sprachlehrern. Nicht etwa Einwandererfamilien, sondern Engländer, die ihre Kinder auf eine Zukunft vorbereiten, in der China eine Weltmacht sein wird. Ganz so früh hat Peter Sennhauser nicht begonnen, sich mit chinesischen Lauten und Zeichen auseinanderzusetzen. So glaubt er auch nicht, dass er diese Sprache flüssig sprechen lernen wird. «Die chinesische Sprache besteht aus 420 Silben, und jeder können vier Töne zugeordnet werden. Beim Gespräch ordnet der Hörer jede ausgesprochene Silbe einem einzigen Schriftzeichen mit der Bedeutung zu, die der Sprecher gemeint hat. Das ist wahnsinnig schwierig, und ich habe ja gerade erst begonnen.»

Als Leiter der Abteilung Kreation+Design bei Stämpfli interessiert er sich vor allem für die chinesischen Schriftzeichen, diese Piktogramme, die aussehen, als ob man sie zeichnen würde. Und wenn man an die Hilfsmittel der Kalligrafie denkt – den Pinsel aus Marderhaaren, den Tuschriegel, der auf dem Reibstein zerrieben und mit wenig Wasser zu Tinte angemacht wird, und das oft handgeschöpfte Papier –, ist das Bild des malenden Schreibkünstlers wirklich nicht fern. Die Schriftzeichen waren am Anfang vereinfachte Abbildungen von Gegenständen. Über die Jahrhunderte veränderten sie sich, wurden ab-strakt und bestehen heute aus einem Grundelement, dem so genannten Radikal, und einem phonetischen Bestandteil, der die Aussprache festlegt. Es heisst, dass man mit 3000 bis 4000 Schriftzeichen relativ gut zurechtkommt. Nur – im Verhältnis zu unseren 26 Buchstaben und den Umlauten ist bereits das ziemlich unvorstellbar.

Von La Fontaine zu Mahjong

Für Kalligrafie hat sich Peter Sennhauser bereits während seiner Lehre interessiert. Den Ausschlag gab sein Schriftsetzer-Lehrer, der «sehr schön schreiben» konnte, und in seiner Abschlussarbeit setzte er einige von La Fontaines Fabeln kalligrafisch um. Diese Freizeitbeschäftigung hat ihn nicht mehr losgelassen. Immer wieder hat er Urkunden oder Diplome kalligrafiert, beispielsweise für den Schweizerischen Alpen-Club. Warum aber dauerte es so lange, bis er die chinesische Kalligrafie, die wohl die längste Tradition des Schön-Schreibens hat, für sich entdeckte? Den Ausschlag gab die Kunstsammlung des langjährigen Botschafters Uli Sigg in China, die letztes Jahr teilweise im Rahmen der Mahjong-Ausstellung im Kunstmuseum Bern zu sehen war und die einen ganzen Saal dem Verhältnis Schrift-Kunst widmete. Peter Sennhauser besuchte einen Intensivkurs Chinesisch an der Volkshochschule. Aller Anfang ist schwer, aber für den Sommer ist dieses zeitintensive Hobby «viel zu anstrengend».

Schrift als Kunst – Schriftkunst

Im Gegensatz zu den sakralen Texten der europäischen Mönche, die im Mittelalter in ihren Klöstern ihre Werke mit kunstfertigen Initialen versehen und ausgeschmückt haben, hat chinesische Schriftkunst nichts mit Verschönern, Verschnörkeln, Verzieren zu tun. Eine gewisse Freiheit hat der chinesische Schriftkünstler nur in der Wahl des Zeichens, sofern es wie für Himmel mehrere mit derselben Bedeutung gibt. Nicht nur die Hilfsmittel sind vorgegeben, auch Pinselführung und Schreibfolge des einzelnen Zeichens – geschrieben wird zuerst von oben nach unten, dann von rechts nach links – müssen strikt eingehalten werden, und ein einmal vollendetes Zeichen im Nachhinein zu verbessern, ist streng verboten. Kann so was Kunst sein? Wenn man von unserem Begriff der Kunst ausgeht, vielleicht nicht. In der chinesischen Kalligrafie geht es allerdings darum, «die gesamte Persönlichkeit und den Charakter des Schriftkünstlers auf das Blatt zu übertragen». Die Schriftzeichen so zu setzen, dass die Striche beim vollendeten Zeichen stimmig und harmonisch aufeinander bezogen werden können, diese Ausgewogenheit im Schriftbild zu erreichen, ist das wichtigste Ziel des Schriftkünstlers, ist die eigentliche Kunst.

Es scheint an der Zeit, unser westlich geprägtes Weltbild zu öffnen. Nicht nur in der Kunst. Die High Society Englands steht mit ihrem Glauben, dass Chinas Wirtschaft unsere bald einmal einholen wird, nicht allein da. Und vielleicht muss Peter Sennhauser schon bald gar nicht mehr selbst nach China reisen, um sein Chinesisch auszuprobieren.