Nachtschicht

18.12.2009
04/2009
  • Porträt

An jenem Donnerstagabend um 21.30 Uhr ist die Produktionshalle hell erleuchtet. Alle Anwesenden sind eifrig bei der Arbeit. Die Mitarbeitenden in der Buchbinderei fertigen die letzten Aufträge. Die 10- und die 5-Farben-Bogen-Maschine laufen auf Hochtouren und lärmen. Paletten mit gedruckten Bogen finden in der Buchbinderei ihren Platz, wo sie auf die Weiterverarbeitung am nächsten Morgen warten. Als letzte Arbeit vor Schichtende putzen zwei Drucker und ihre Mitarbeitenden die Rollenoffsetmaschine, stellen neues Papier bereit, sodass die Frühschicht um sechs Uhr direkt loslegen kann.

Eine Stunde später: die Halle – fast – menschenleer, nur noch im Teil mit dem Druckmaschinenpark schummriges Licht. Roman Wyss und Fabrizio Dotta verrichten an den Bogenmaschinen ihre Arbeit, unterstützt von ihren Druckereimitarbeitenden Göksel Oezkan und Sinan Xhinovci. «Am Donnerstagabend geht es immer am besten. Man hat seinen Rhythmus gefunden», meint Roman Wyss. «Am schlimmsten ist die erste Nachtschicht am Sonntagabend. Alle anderen machen es sich auf dem Sofa bequem. Nur du kannst den Film nicht zu Ende sehen und musst um 22 Uhr bei der Arbeit sein. Das braucht immer etwas Überwindung. Erst einmal an der Maschine, ist dieses Gefühl aber wie weggefegt.»

Übergabe

Beginn und Abschluss einer jeden Schicht bildet jeweils eine kurze Übergabesitzung, an der die Kolleginnen und Kollegen auf Besonderheiten oder spezielle Anweisungen hinweisen. «Ich bin immer eine Viertelstunde früher da. Dann bleibt genügend Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen, zu schauen, was gegangen ist, und die Probleme, die aufgetreten sind, zu besprechen», erläutert Fabrizio Dotta. Zudem sei eine saubere Übergabe wichtig, weil man in der Nacht alleine arbeite und bei Fragen keine Rücksprachen möglich seien.

Zu Beginn eines Auftrags sehen die beiden Drucker jeweils die Proofs durch, überprüfen, ob beim gedruckten Erzeugnis nichts verschoben ist, alle Seitenzahlen vorhanden sind und die letzten Änderungen der Kunden ausgeführt wurden. «Wenn etwas nicht stimmt oder ich nicht sicher bin, was es zu korrigieren gibt, weil ich die Schrift nicht lesen kann oder den Korrekturvorschlag nicht verstehe, muss ich entscheiden, ob ich den Auftrag weiterlaufen lasse oder stoppe. Hier gilt es abzuschätzen, was wie viel Geld kostet. Generell lasse ich einen Auftrag mit einer Auflage von 500 laufen, währenddem ich einen Auftrag mit 80 000 Exemplaren stoppe», so Fabrizio Dotta.

Probieren geht über studieren

Zu Beginn richten die Drucker die Maschine ein bzw. stellen die Farbmenge richtig ein. Dazu entnimmt Fabrizio Dotta der 5-Farben-Druckmaschine jeweils einen Bogen, legt ihn auf den Farbmessungstisch. Ein Scanner untersucht, wo wie viel Farbe aufgetragen ist, und korrigiert dann automatisch. Sind die Differenzen zu gross, macht er dies von Hand, da es schneller geht. Bei diesem Vorgang spielt die Erfahrung des Druckers eine grosse Rolle. Roman Wyss kann bei der 10-Farben-Maschine auf die Technik zählen. Der Messvorgang läuft automatisch in der Druckmaschine ab. Jeder einzelne Bogen wird gemessen und das Resultat auf einem PC angezeigt.

An jenem Abend haben beide Drucker anfangs mit dem gleichen Problem zu kämpfen. Das Papier läuft schlecht. «Offsetpapier ist immer heikler, besonders wenn es schlecht geschnitten ist», begründet Fabrizio Dotta. Ein paar Handgriffe hier, eine Drehung dort, noch ein Keil in den Papierstapel gestossen und schon werden die Bogen wieder eingezogen – zuerst langsam und dann immer schneller. «Wenn es gut läuft, drucken wir rund 12 000 Bogen pro Stunde», so Fabrizio Dotta.

Druckereimitarbeitende

Göksel Oezkan und Sinan Xhinovci sorgen derweil dafür, dass immer genügend Papier vorhanden ist, füllen die Farben nach, bereiten die Platten für den nächsten Auftrag vor und räumen die Paletten mit den gedruckten Bogen weg. Normalerweise arbeiten die Drucker immer mit dem gleichen Mitarbeiter zusammen. «Sinan und ich sind ein eingespieltes Team. Er weiss, wie ich es will, und ich weiss, worauf ich bei ihm schauen muss», beschreibt Fabrizio Dotta die Zusammenarbeit.

Die Mannen wissen vorher nicht, welche Aufträge sie in der Nacht zu drucken haben. Normalerweise werden die grösseren Auflagen auf der 10-Farben- und die kleineren auf der 5-Farben-Maschine gefertigt. «Eine Auflage von 500 zu drucken, lohnt sich kaum. Kaum hat man die Maschine angestellt, ist der Auftrag schon beendet. Dann muss man die Platten wechseln und die Maschine neu einrichten. Bei grossen Auflagen hingegen druckt man die ganze Schicht den gleichen Bogen. Dies ist sehr anstrengend und auch gefährlich: Da man immer das Gleiche kontrolliert, ist es gut möglich, dass man etwas übersieht. Am liebsten habe ich deshalb Auflagen um die 10 000. Man hat einen guten Rhythmus, und die Zeit vergeht schnell», meint Roman Wyss.

Wenn die Maschine einmal eingerichtet ist, können sich die Drucker nicht zurücklehnen und Kaffee trinken, sondern kontrollieren immer wieder, ob alles in Ordnung ist. «Zum Beispiel die Passergenauigkeit. Allenfalls nehme ich noch kleine Feinjustierungen vor. Diese sind jedoch so fein, dass die Augen des Laien sie nicht zu sehen vermögen», ist Roman Wyss überzeugt.

Bei Stämpfli wechseln die Drucker nach einem bestimmten Turnus: Nach der Nachtschicht folgt die Spät-, anschliessend die Frühschicht. «Beim Wechsel von der Nacht- zur Spätschicht können wir gleichwohl noch ausschlafen», erklärt Roman Wyss. «Die Arbeit während der Nachtschicht ist entspannter. In der Produktionshalle geht es nicht so hektisch zu und her, da nur wenige Leute arbeiten. Ich kann ungestört arbeiten, habe einen genauen Arbeitsplan, werde nicht unterbrochen und muss nicht dringende Aufträge dazwischennehmen.»

Hart verdientes Geld

«Das Problem bei der Nachtschicht ist der Schlaf. Morgens ist es bald einmal hell, sodass ich nicht gleich tief schlafe. Am schlimmsten ist aber, wenn ich am Morgen todmüde ins Bett falle und wegen Baulärm nicht schlafen kann», bemerkt Fabrizio Dotta. «Normalerweise gehe ich um sieben Uhr ins Bett und stehe um ca. 14 Uhr auf. Im Sommer geht das gut. Da kann ich in die Badi, dort noch ein Nickerchen machen. Im Winter hingegen ist das hart. Dann habe ich nur gerade drei Stunden Tageslicht.» Auch Roman Wyss machen die ständigen Rhythmuswechsel zu schaffen: «Besonders schwierig ist der Schichtwechsel am Wochenende, muss man doch nach der Nachtschicht früher aufstehen, um am Abend wieder einschlafen zu können.»

Schichtarbeit sei sowohl für den eigenen Körper als auch für die Partnerschaft und das soziale Umfeld eine grosse Belastung. Zudem könne man nicht regelmässig an Vereinsaktivitäten teilnehmen. «Dies machen aber die Freude an unserem Beruf und die Schichtzulagen wett», sind sich beide einig.