Mittagstisch bei Gaby Gasser

20.06.2006

Es fehlt etwas, wenn sie nicht in der Cafeteria anzutreffen ist, zumindest von neun Uhr morgens bis zwei Uhr am Nachmittag: Gaby Gasser. Seit ungefähr zweieinhalb Jahren sorgt sie für die Verpflegung jener Stämpfli-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die sich gern im Haus bewirten lassen.

«Ich habe noch nie in meinem Leben so wenig gearbeitet.» Und das sagt sie, obwohl sie oft am Nachmittag auf dem Weg nach Hause noch einkaufen geht und es Tage gibt, wo sie bis um zehn Uhr abends bäckt. «Ich sehe das von einer anderen Seite. Stress hatte ich im Gastgewerbe, wo 14-Stünder keine Ausnahme waren. Oder auch als Geschäftsführerin, wo ich Personal leiten musste. Im Vergleich dazu ist die Arbeit hier nicht hart, auch wenn ich mal meine zwölf Stunden arbeite.»

 

Nicht nur den grössten Teil der Backwaren stellt Gaby Gasser selbst her, auch sonst macht sie nahezu alles allein. Ganz selten kommt es vor, dass sie etwas dazukauft, zum Beispiel Cremeschnitten, wenn sie nur noch zwei Cakesorten anzubieten hat, oder auch mal Frischteigwaren.

Immer ein freundliches Wort

Morgens um halb acht verlässt sie ihr Haus, schaut bei der Gemüsebäuerin vorbei und kauft, was noch fehlt, in der Migros ein. Bei Stämpfli angekommen, ist die Welt erst mal in Ordnung. «Ich komme sehr gern hierher. Ich kann mein Haus mit einer schlechten Laune verlassen und bin spätestens, wenn ich hier ankomme, gut gelaunt. Es herrscht einfach eine gute Stimmung, und egal, in welcher Funktion jemand arbeitet: Man bekommt immer ein freundliches Wort.» Sie lädt die eingekauften Waren aus, ebenso das Fleisch, das sie am Vorabend aus dem Tiefkühler genommen hat, und all die anderen Dinge, die sie täglich anbietet: Früchte, Schokolade und eben diese selbst gebackenen Desserts, die immer am «falschen» Ort stehen, so wird gemunkelt, weil man kaum daneben vorbeikommt ohne zuzugreifen. Hat die interne Weiterbildung, die letztes Jahr im Rahmen der Gesundheitsprävention zum Thema Ernährung stattgefunden hat, etwas bei ihrem Angebot verändert? «Ja, bei der Verwendung der Öle. Als ich Koch gelernt habe, galt Sonnenblumenöl als hochwertiges Öl, und Rapsöl war ‹Ghüderöl›. Zudem brauche ich vermehrt Butter anstatt Margarine.»

Kochen mit Fantasie

Wenn sie dann alles beisammen hat, gehts los. Auf zwei Kochplatten übrigens. «Die Küche ist sehr klein, das braucht viel Fantasie», bietet sie doch nebst Suppe und Sandwiches jeden Tag mindestens drei Menüs an. Wie sie immer wieder auf neue Ideen kommt? Einen Wochenplan braucht sie dazu jedenfalls nicht. Und eingefallen ist ihr noch immer etwas: abends im Bett, auf dem morgendlichen Spaziergang mit dem Hund, während des Einkaufens oder beim Blättern in Kochbüchern. Und manchmal fragt sie auch ihre Kunden, auf was sie Lust haben. Die sind allerdings zurückhaltend mit Vorschlägen: Sie wollen bekocht werden und sich dabei um gar nichts kümmern.

Kocht sie auch zu Hause, zum Beispiel am Wochenende? «Nein! Ich koche von Montag bis Freitag hier. Zu Hause koche ich nur, wenn ich wirklich Lust dazu habe. Wir gehen oft auswärts essen oder bräteln, und wenn dann noch jemand Appetit auf Teigwaren hat, darf er sich die gern selbst machen.»

Ausgleich findet unsere Köchin in der Natur, bei ihren Tieren – in der Stadt zu wohnen, kann sie sich nicht vorstellen. Und dann ist da noch das Töfffahren auf der Harley, da kann sie so richtig abschalten und ihre Gedanken ziehen lassen – nicht nur zum nächsten Mittagstisch bei Stämpfli.