Markus Zürcher und seine Aquarelle

20.06.2013
02/2013
  • Projekt

Seit einigen Monaten hängen bei uns an der Wölflistrasse im Eingangsgeschoss auf der Höhe der Galerie zwei grosse Aquarelle des Appenzeller Künstlers Markus Zürcher. Genau genommen sind es vier Werke, da die Rückseiten gleichermassen wie die gezeigten Vorderseiten bemalt sind. Am 16. Feb­ruar 2013 ist Markus Zürcher völlig überraschend in seinem 67. Altersjahr verstorben. Gerne zitieren wir aus einer Würdigung des Kulturkritikers Konrad Tobler:1

«Wie Robert Walser ist Markus Zürcher gestorben: auf einem Spaziergang, in winterlicher Landschaft. Mit Walser verband den seit Jahrzehnten in Bern lebenden Künstler einiges: Zürcher wurde 1946 im Appenzellischen geboren und wuchs in Herisau auf, wo Walser seine letzten Lebensjahrzehnte verbrachte. Zürcher konnte sich noch an den in sich zurückgezogenen Schriftsteller erinnern. Und Zürcher selbst war einer, der sich zurückzog – um still und zugleich radikal an seinem Werk zu arbeiten. Und um dann wieder das Gespräch zu suchen, ernsthaft und intensiv, manchmal auch insistierend, immer noch in seinem unverkennbaren Dialekt sprechend. Zürchers Werk (...) zeichnet sich durch Minimalität, Reduktion und Konzept aus. Minimal die Formen, auf Schwarz-, Grau- und Weisstöne reduziert die Farbigkeit, konzeptionell die Vorgehensweise. So beispielsweise in einer Wandmalerei, die er in der Kunsthalle Bern realisierte (...). Diese Wandmalerei bestand nur aus Schmutz – Staub und sonstige Ablagerungen, die der Künstler in der Kunsthalle zusammenwischte und als gebundene Pigmente verwendete. Wer sich nun aber vorstellt, dieses Werk sei grau in grau gewesen, täuscht sich. Denn Zürcher verstand es, aus dieser Reduktion eine Art Vielfarbigkeit – freilich in nuancierten Grautönen – zu schaffen (...).

Seine letzte Ausstellung in Bern war wiederum mit Walser verbunden: Im Robert Walser-Zentrum zeigte Zürcher eine neue Werkgruppe, an der er seit Jahren arbeitete. Farbe kam ins Spiel, Bewegung war zu sehen. Aber auch diese grossformatigen Aquarelle hatten ihre Basis in einem Konzept: Die Farbe ist nicht mit dem Pinsel aufgetragen und also gemalt, sondern gegossen. Der Künstler goss die Farbe in rhythmischen Bewegungen aus allerlei gefundenen oder selbst entwickelten Gerätschaften auf das gediegene, königlich-englische Papier. In vielen Schichtungen entstand so ein All over, vor- und rückseitig. Diese rhythmischen Linien oder Gussspuren treiben das Bild in sich hinein, ohne dass dabei eine Zentrierung zu beobachten wäre. Vielmehr bewegt sich das Auge hin und her, über die Bildfläche und in den Bildraum hinein. Es ist eine farbige, wenn auch nicht bunte, sondern eine dezent farbige, geradezu strahlende Bilderwelt (...). Diese Aquarelle sind gewissermassen Fliessornamente. Sie können auch als abstrakte Makroschrift gesehen werden, eine Schrift, die von höchster Konzentration und zugleich von höchster Freiheit erzählt.

Es sind wohl diese beiden – Konzentration und Freiheit –, die Markus Zürcher immer wieder gesucht hat, unbeirrbar und doch fragend: suchend und sich selbst gegenüber insistierend.»

Um die 30 Werke verschiedenster Kunstschaffender können am Stämpfli Hauptsitz in Bern bestaunt werden. In der neuen Rubrik «Kunst an der Wölflistrasse» sollen nach und nach solche Werke und ihre Schöpfer vorgestellt werden und auch in unsere Hauszeitschrift Farbe bringen.

1 erschienen in «Der Bund» am 28.2.2013