Knifflige Herausforderungen für heutige Musikschaffende

Junge Musikerinnen und Musiker sind ständigen Praxisprüfungen unterworfen. Sie ringen mit grossen instrumentalen Herausforderungen oder komplizierten ­Partituren, und sie müssen nicht nur vor einem Publikum und den strengen Fachkolleginnen und -kollegen bestehen. Aber nicht nur.

Seit einigen Jahren sind Musikschaffende auch in Bereichen gefordert, von denen die vorangehende Generation noch nichts zu wissen brauchte: Konzertkontext, Partizi­pation, Vermittlung. Mit einem Grundlagenbuch zur künstlerischen Musikvermittlung möchte ich jungen Musikerinnen und Musikern deshalb unterstützend zahlreiche Möglichkeiten aufzeigen, wie sie sich einen eigenen Weg in der Musikwelt suchen und in dieser Gesellschaft mit künstlerischen Mitteln etwas bewegen können. Viele Musikdozierende warnen als gut gemeinte Überlebensstrategie ihre Studierenden davor, etwas anderes zu tun, als ihr Instrument zu üben. Ich sehe darin aber eher eine Sackgasse in den Elfenbeinturm – und stifte deshalb Musikstudentinnen und -studenten dazu an, sich auch um etwas anderes zu kümmern als um ihr Instrument oder ihre Stimme. Ich mache ihnen Mut, sich mit Amateuren auf künstlerische Prozesse einzulassen. Hoffe, dass sie anfangen, zu improvisieren und Musik eigenhändig zu bearbeiten. Dass sie sich getrauen, mit einer eigenen Sprache über Musik zu sprechen, zusätzliche Instrumente zu spielen oder sich andere Künste anzueignen. Allen Akteuren der klassischen Musik ist heutzutage etwas gemein: Sie haben beruflich mit einer Musikkultur zu tun, die sich – parallel zur allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung – in Zeiten des Umbruchs befindet. Die Akteure westlich komponierter Kunstmusik agieren innerhalb der teilweise weit auseinanderliegenden Pole Tradition und Innovation. Sie ringen zugleich um Veränderung und Erhaltung ihrer Formate und Inhalte, ihrer Zuhörerschaft und ihrer Konzertkultur. Diese Bewegungen und Erschütterungen bekommen nicht alle Musik­akteure gleichermassen zu spüren – und es reagieren auch nicht alle gleich darauf. Künstlerische Musikvermittlung ist vor allem für diejenigen ein Thema, die an grösseren (gesellschaftlichen) Zusammenhängen interessiert sind. Dafür soll das Buch «Entfesselte Klassik» eine Methode anbieten. Die Fragen, denen sich junge Musikschaffende heute stellen müssen, sind sehr komplex geworden: Wie können Musikschaf­fende, Publikum und Musiken neue Verbindungen eingehen, sodass auf allen Seiten Mehrwert entsteht? Ich hinterfrage deshalb lustvoll einige hartnäckige Gewohnheiten des Klassikbetriebs und gebe konk­rete Antworten auf die Forderungen nach kultureller Teilhabe. Mit jungen Musikerinnen und Musikern mache ich in sieben Experimenten vor, wie man Profi darin werden kann, mit Amateuren im Hochkulturkontext zu handeln. Das Ganze baut auf provokanten Thesen und spannenden Experimenten auf und wird ergänzt mit theoretischen Grundlagen. Hier finden Musikschaffende erstmals zahlreiche praktische Beispiele zum Nachahmen, Experimentieren und Neuerfinden. Das Buch erhielt seinen Titel aufgrund eines Zitates einer Musikstudentin. Sie schrieb mir einmal: «Die künstlerische Musikvermit­t­lung ist eine Disziplin, mit der ich meine Kreativität entfesseln kann. Diese neuartige Kunstform hat mich als Person mutiger und als Musikerin freier gemacht.» Ich hoffe, dass «Entfesselte Klassik» diese begabte Musikerin auf ihrem Weg und bei den noch zahlreich auf sie wartenden Prüfungen hilfreich unterstützen kann. ­


Zur Person

Barbara Balba Weber ist Musikerin und Musikvermittlerin und interessiert sich für alles, was mit Musik und Gesellschaft zu tun hat. Sie ist Mutter von zwei Söhnen und lebt mit ihrer Familie in Berns Altstadt.


Entfesselte Klassik

Die Berner Kulturvermittlerin Barbara Balba Weber leitet den Bereich Musikvermittlung/Music in Con-text an der Hochschule der Künste Bern (HKB). Für ihre Studierenden und für alle an der Klassikwelt Interessierten hat sie ein unterhaltsames Sachbuch geschrieben. Darin stellt sie in sieben Schritten den klassischen Musikbetrieb auf den Prüfstand: 

1. Amateure mit Lizenz zum Ändern

2. Klezmer für Bayreuth, Wagner für Netflix

3. Musik ist keine heilige Kuh

4. Komponieren ohne Schiedsrichter

5. Stunts der Hochkultur

6. Elfenbeinturm mit Anbau und Aussicht

7. Bil­dungsmusik war gestern.

Barbara Balba Weber

Entfesselte Klassik – Grenzen öffnen mit künstlerischer Musikvermittlung

144 S., illustriert, broschiert, CHF 34.–

978-3-7272-6009-4