Hörtest

20.11.2018
04/2018

«Je früher du aufstehst, desto mehr siehst du, je später du zu Bett gehst, desto mehr hörst du», lautet ein mongolisches Sprichwort. Als Nachtmensch kann ich das bestätigen. Abends, wenn die Welt ruhiger wird, erhalten scheinbar lautlose Dinge eine Stimme.

Nichtsdestotrotz dachte ich mir, dass es nicht schaden kann, einmal einen Hörtest zu machen, wenn Stämpfli Gesundheit dies schon anbietet. Marc Brechbühl, der Geschäftsführer der Firma Motio AG, empfängt mich gut gelaunt. Und dies, obwohl ich bereits die 38. von 45 Mitarbeiter/innen bin, die er an diesem Tag über die individuelle Situation, sprich Lärmaussetzung während der Arbeit oder in der Freizeit, befragt und mit Informationen eindeckt. Welche Arbeiten ich verrichte und wie viele Stunden pro Tag, pro Woche ich das tue, will er wissen. Ob ich regelmässig Gehörschutzmittel trage. Habe ich früher einmal an einem lauten Ort gearbeitet? Und wie sieht es mit lärmigen Hobbys aus? Nun, das Rauschen des Computers ist zwar konstant, aber nicht laut, das Schrillste an meinem Arbeitsplatz ist das Läuten des Telefons.

Richtig laut in meinem Leben wird es eigentlich nur an Konzerten, und das anschliessende Pfeifen in den Ohren, das Marc Brechbühl mit einem Muskelkater vergleicht, hat sich bis jetzt immer spätestens nach zwölf Stunden davongemacht. Wie es sich gehört. Also alles im grünen Bereich? Fast. Die hohen Töne auf dem rechten Ohr brauchen ein wenig mehr Zeit als alle anderen, bis sie in den Hörkanal dringen. Das sei dem Alter geschuldet und mit den übrigen guten Ergebnissen kein Grund zur Sorge. Einfach etwas, das ich jetzt weiss und beobachten kann. Aber wie beobachtet man, was man gar nicht wahrnimmt? Indem man sensibilisiert ist, es beispielsweise nicht einfach mit der eigenen Unaufmerksamkeit entschuldigt, wenn andere einen Ton kommentieren, den man selbst nicht gehört hat.

Manchmal höre ich aber auch Dinge, von denen ich weiss, dass nur ich sie wahrnehme, da sie gar nicht existieren. Weil ich ein Nachtmensch bin und eben doch mehr höre als andere? Wenn ich wach im Bett liege und schlafen sollte, weil der nächste Morgen nicht nur Tagmenschen alles abverlangt, machen sich gelegentlich Töne selbstständig. Richtig mühsam wird es, wenn sich diese Klänge mit den Geräuschen aus der Nachbarwohnung vermischen, wo gerade etwas auf den Boden knallt. Mit dem Motorenlärm einparkender Autos vor dem Schlafzimmerfenster oder dem Läuten der Kirchenglocke, die inzwischen drei Uhr schlägt. Wenigstens diese Geräusche lassen sich mit Hörschutzstöpseln ausschalten. Und darum möchte ich mir demnächst mal welche nach Mass anfertigen lassen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich den Radiowecker am Morgen nicht höre.

Auswertung Hörtest bei der Stämpfli AG in Bern vom 4. Juni 2018


Fakten zum Gehör

Das Ohr verarbeitet doppelt so viele Eindrücke wie die Augen, zirka 50 pro Sekunde, und ist in der Lage, an die 400 000 Töne zu unterscheiden.

Das gesunde Ohr nimmt eine erstaunliche Vielzahl an Tönen wahr – sehr hohe und sehr tiefe, vom Kontrabass bis zum Vogelgezwitscher. Das sind Frequenzen zwischen 20 und etwa 20 000 Hertz.

Der Hörsinn ist in der Lage, sowohl sehr leise Geräusche wie das Summen einer Mücke als auch sehr laute Geräusche wie den Start eines Düsenjets zu verarbeiten.

Bereits im Mutterleib können Ungeborene hören (etwa ab der 16. Schwangerschaftswoche), und zwar so gut, dass sie nach der Geburt ihre Mutter an der Stimme erkennen.

Die Ohren lassen sich im Gegensatz zu den Augen nicht verschliessen. Selbst im Schlaf nehmen wir Umgebungsgeräusche wahr, nicht unwichtig, wenn Gefahr im Anzug ist.

Geräuschpegel von mehr als 85 Dezibel über längere Zeit sollte man meiden. Ein maximal aufgedrehter iPod mit In-Ohr-Kopfhörern kommt auf 100 Dezibel direkt im Gehörgang.

Totale Stille ist wohltuend und stressmindernd. Auf die Gesundheit des Gehörs wirkt sie sich jedoch nicht aus. Zu viel Stille gar verträgt der Mensch nicht und ist unheimlich.

Das Gehör kann man trainieren. Wer regelmässig komplexe Musik hört, erkennt Unterschiede in Tonfrequenzen, die andere Personen nicht wahrnehmen.