Herr Steinmann, trägt die Kunst Verantwortung?

20.03.2012
01/2012
  • Nachgefragt

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts offenbart sich der Menschheit eine in exorbitanter Komplexität erstrahlende Welt. Wir sind konfrontiert mit einer Vielzahl von Problemen, die von globaler Tragweite sind. Die ökologische Krise, die unbewältigte Finanz- und Schulden­misere, das Übel der politischen Lähmungen und die damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten, die unbegrenzte Expansion globalisierter Marktwirtschaft und ihre Produktionszwänge, die ständig zunehmende Ressourcenknappheit z.B. des Trinkwassers, die sich verschärfenden Konfrontationen von West und Ost, um nur einige Phänomene zu nennen, bedrohen die räumliche und stoffliche Begrenztheit unserer Erde. Parallel dazu wird ein Defizit in der politischen, kulturellen und philosophischen Problembewältigung sichtbar. Es herrscht eine massive Diskrepanz zwischen Wissen und konkretem Tun.

Kurzum: Wir befinden uns in einer Ära tief greifender Transformation. Egal aus welcher Berufs­sparte wir kommen, wir müssen «unser Denken erweitern und unser jetziges Verhalten grundlegend korrigieren» (Potsdamer Manifest 2005).

Wir sind angehalten, grundlegende Fragen zu stellen. Wie nachhaltig soll unsere Lebensweise sein? Und vor allem: Welche Möglichkeiten zu verantwortungsvollem Handeln gibt es im Hier und Heute?

Neue Orientierung

Die Notwendigkeit des Umdenkens stellt uns alle vor enorme Herausforderungen, die zu meistern wir aufgerufen sind. Gefragt sind neue Modelle der Leadership, eine Weltdeutung, die aus dem materialistisch-mechanistischen Weltbild herausführt, eine allumfassende Kultur des Respekts sowie Empathiefähigkeit.

Alles hängt davon ab, ob wir in der Lage sind, die Herausforderungen gemeinsam und kreativ zu bewältigen. Die Forderung nach mehr Kreativität meint nichts weniger als das Programm einer tief greifenden Revision unserer

gesellschaftlichen Werte. Dazu müssen wir Paradigmen entwickeln, die unser Handeln indivi­duell, kollektiv und gesellschaftlich determinieren. Dies jedoch verlangt auch ein unbeirrbares Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Es braucht den Glauben an das globale Wir, an die schöpferische Kraft des Indivi­duums, oder wie es das Tutzinger Manifest formuliert: «Wir brauchen Menschen, die nicht bei jeder Möglichkeit Schwierigkeiten, sondern bei jeder Schwierigkeit Möglichkeiten sehen.» (www.kupoge.de/ifk/tutzinger-manifest).

Die Kunst sucht ihren Ort

Was nun die Kunst anbetrifft, so ist die Verantwortungsfrage von gröss­ter Aktualität. Ich bin überzeugt, dass Verantwortungsbewusstsein als wesentliche Dimension zum künstlerischen Vokabular gehört. Die Zeit der Nonchalance ist vorbei.

Die zentrale Frage ist: Wie kann Kunst den grossen Herausforderungen unserer Gegenwart und unserer Zukunft angemessen begegnen und ihre Kompetenzen zugunsten einer Metaebene der globalen Verantwortlichkeit einsetzen?

Kunst ist für mich kein hermetisches Werk von Einzelgängerinnen, sondern basiert auf Netzwerkarbeit und Zusammenhangsbewusstsein. Ich verstehe Kunst als Wissenskultur. Sie ist Brückenbauerin zwischen den Denkwelten im Übergang vom ökonomischen Weltbild zu einem integralen Bewusstsein. Das Wissen über die Interdependenz ist die Verantwortung der Kunst. Unter diesen Prämissen ist Kunst konstitutives Element einer zukunftsfähigen Gesellschaft.

Kunst aus meiner Sicht macht mit ihrem Wirken komplexe Zusammenhänge in sozialen, ökonomischen und kulturellen Netzwerken sichtbar, forscht und gestaltet Erkenntnisprozesse, fordert Verantwortung im gesellschaftlichen Kontext ein, bezieht Stellung und definiert Nachhaltigkeit als Handlungsprinzip im Hier und Jetzt. Vor allem aber fördert Kunst den Dialog über die Phänomene unserer Lebenswelt und die transnationale Verständigung zum Wohl der Gemeinschaft.

Folglich ist die entscheidende Frage für mich als Künstler: Wie schafft man Kunst, welche als oberste Prämisse die Vernetzung kommunikativer Beziehungen ins Zentrum stellt und so in eine andere Verantwortungskultur führt?

Ein Ansatz dazu scheint mir plausibel: Kunst kann Katalysator gesellschaftlicher Veränderung sein. Ja, ich würde sogar noch weiter gehen: Die Kunst ist unabdingbar im Horizont der Nachhaltigkeit.