Eisenbahngesellschaft  Eine Kolumne aus «Dicke Post»

20.03.2013
01/2013
  • Neuerscheinung

Sie kennen sich schon seit Jahren, gesprochen haben sie aber noch nie miteinander: die Dame mit der auffälligen Brosche, die sie einfach zu allem trägt, und der untersetzte Zeitungsleser, der meist während des Lesens des Sportteils zwischen Bützberg und Herzogenbuchsee niesen muss. Bis heute Morgen. Jetzt weiss er, dass sie Rindlisbacher heisst, dafür kann sie die abgewetzte Aktentasche, die allmorgendlich erst auf «No frei?» ins Gepäckfach wandert, nun dem Namen Inderbitzin zu­ordnen. Und dies nur, weil die ­Tü­­ren geklemmt haben.

Wäre der Regio-Express sechs Uhr achtundvierzig und nicht erst um sieben aus dem Langenthaler Bahnhof ausgefahren, wäre alles anders gekommen beziehungs­weise nichts passiert und der ­Zug hätte seine Gäste wie sonst jeden Morgen unbehindert nach Bern geliefert. So aber zwang ein nicht fahrplanmässiger Erdschlipf bei Riedtwil zu einem Halt, den hier und so niemand verlangt hatte. Dass dieser gleich drei Stunden dauern würde, wusste zum Glück niemand und zu keiner Zeit.

Den Alltag brachte man mit eigenen oder ge­liehenen mobilen Telefonen (wie konnte man früher in solchen Situa­tionen überleben?) bald hinter sich. Nach dem dritten Gespräch musste Frau Iseli für Herrn Wegmüller die Agenda gleich bis zum Mittag wegen Erdrutsch freimachen. Am leichtesten warfen natürlich die Schüler ihren Stundenplan über Bord, die entgangenen Pausen allerdings wollten sie am Nachmittag kompensieren. Nach dem Schreck über die Unmöglichkeit, diesen Tag in seiner geplanten Art zu erleben, galt die Aufmerksamkeit dem eigentlichen Grund für das unvor­hergesehene Gruppen­seminar. Die Gerüchte waren einmal mehr schneller als die Bahn­information. In Lichtgeschwindigkeit pfeilten wildeste Geschichten durch die doppelstöckigen Wagen auf und ab. Die wegen des fehlenden Lichts im fahlen Morgengrauen und wegen der ausgefallenen Heizung sich abkühlende Atmosphäre wärmte sich erst mit aufkeimender Hoffnung (bald kommen Busse!) wieder auf. Die gesellschaftlich tief verankerten Barrieren, die in rollenden Zügen für Ruhewagen sorgen, hoben sich je länger, je schneller zugunsten einer locker kommunizierenden Eisenbahn­gesellschaft.

Das Gefühl, nun gemeinsam eine ausserordentliche Herausforderung bestehen zu müssen, löste Zungen und Hemmungen. Solange Erdschlipfe den Regio-Express nicht bösartiger aufhalten, sind solche Auszeiten zwar Zeit- und Geldverlust, aber dennoch gewinnbringend. Swisscom, Sunrise und Orange mögen dies bestätigen. Die SBB bringen die Leute zwar später nach Bern, aber einander auch näher.

Frau Rindlisbacher und Herr Inderbitzin grüssen sich seither, schon bevor er seine abgewetzte Mappe ins Gepäckfach geworfen hat. Nach der nächsten bahnsinnigen Panne, so darf man vermuten, sagen sie sogar Tanja und Alois zueinander.