Die Telefonputzer der PTT und andere Erinnerungen

20.12.2016
04/2016

Im Frühjahr feierte Jürg Bigler sein 40-Jahr-Jubiläum. Dies hat bei ihm die unterschiedlichsten Erinnerungen wachgerufen. Peter Stämpfli hat sich mit ihm darüber unterhalten.

Peter: Jürg, in den vergangenen 40 Jahren hat sich auch Stämpfli stark gewandelt. Wie viel hat sich bezüglich unseres Claims «Kommunikation – Mensch zu Mensch» in dieser Zeit verändert?

Jürg: Früher war alles viel militärischer, nichts von «auf Augenhöhe». Standen mal zwei bei der Kaffeemaschine, wurde das von Vorgesetzten bereits mit einem Stirnrunzeln quittiert, und im Setzersaal sass der Chef erhöht auf einem Podest, um den Überblick zu haben.

Ursprünglich gab es auch nur Tee…

Ja, der Setzerlehrling, der Saaldienst hatte, musste den Tee holen gehen und den Setzern einschenken. Und Punkt 9 Uhr musste er die Fenster öffnen zum Lüften, sonst begannen die Setzer, mit ihren Setzlöffeln (Winkelhaken) zu trommeln.

Heute versucht man ja die Lehrzeit so abwechslungsreich wie möglich zu machen, um die Jungen optimal auf den Beruf vorzubereiten. Wie war das in deiner Lehrzeit, gab es fixe Ämtli?

Da gab es den Ablegedienst (das Zurücksortieren der Bleilettern). Aber sonst war meine Lehrzeit extrem vielseitig. Ausser in der Lehrlingsabteilung arbeitete man auch in der Automaten-, der Kursbuch- und der Gestaltungsabteilung. Und hin und wieder gab es auch Spezialeinsätze.

Du kamst schon früh in die Kalkulation.

Ja, ich war damals noch sehr jung und alle anderen in der Kalkulation viel älter. Es wurde hoch konzentriert gearbeitet, deshalb war es meist totenstill. Die Berechnungen erfolgten alle von Hand und wurden ausnahmslos nochmals vom Vorgesetzten bis auf fünf Rappen genau kontrolliert. Apropos Hierarchie: Wenn mein Chef einen Anruf von deinem Vater erhielt, führte er das Gespräch aus Respekt stehend! Und die Hierarchie war aus den Farben der Schürzen ersichtlich: Der Oberfaktor trug eine weisse Schürze, der Faktor eine blaue und alle anderen eine graue. Und die Löhne wurden damals noch bar ausbezahlt. Wenn der Buchhalter das Geld von der Bank holte, wurde er jeweils vom Schreiner und vom Mechaniker begleitet, die als Bodyguards dabei waren.

Und wie war das mit der Überzeit?

Wenn Überzeit nötig war, musste sie vom Vorgesetzten angeordnet werden, und dann blieb diese Anordnung bestehen, bis sie widerrufen wurde. Ging dieser Widerruf einmal vergessen, dann blieb man eben länger, auch wenn es nicht mehr notwendig war.

Was fällt dir zu den Stichworten Telefon, Auto und WC-Märkli ein?

Ja, die Telefone: Die wurden bei uns im Haus 14-täglich vom PTT-Reinigungsdienst auseinandergeschraubt und mit Pinseln gereinigt. Am Freitag wurden von Speditionsangestellten jeweils die Autos der Inhaber und der Prokuristen gewaschen – ein Privileg, um das sie oft beneidet wurden. Und die WC-Märkli gab es, um Schmutzfinken zu entlarven. Jeder Mitarbeiter hatte Münzen mit einer individuellen Zahl. Die brauchte man, um die WC-Tür abschliessen zu können. So war es im Einzelfall möglich, zu eruieren, wer als Letzter das Örtchen benutzt hatte. Eine der Aufgaben des Abziehers Zimmermann war es, die verwendeten Münzen zu sammeln, zu sortieren und wieder zu verteilen.

Jürg Bigler

Wie hast du die technische Entwicklung erlebt?

Ich war eine von drei Personen, die ungefähr 1986 den ersten Computer, einen IBM mit 256kB, bekamen. Der wurde zuerst als eine Art Schreibmaschine verwendet, später kam dann das Drucksy, ein Kalkulationssystem, hinzu, das nach und nach die Arbeitsschritte in der Kalkulation standardisierte und somit vereinfachte. Bei den Berechnungen der Verlagsleistungen wurde zum Beispiel nur noch in Schritten von 16 Seiten kalkuliert, was zunächst auf Widerstände stiess, letztlich aber vorteilhaft war.

Als 1997 die E-Mails kamen, rannten wir noch von einem Büro zum andern, um zu sehen, ob die Mails denn auch tatsächlich ankamen.

Ja, die Provider garantierten anfangs eine Zustellzeit von 24 Stunden. Benötigte man eine schnellere Zustellung, musste man sich etwas anderes einfallen lassen, etwa den Kurier oder das Fax.

Das schöne Buch hatte früher zweifellos noch sehr viel Gewicht, was man heute nicht mehr behaupten kann. Überhaupt arbeitete man sehr ausgeprägt gewerbeorientiert, beschäftigte beispielsweise einen Schreiner im Haus für die Herstellung von Büromöbeln und für andere Holzarbeiten, die anfielen. Die Prozesse waren noch sehr arbeits- und zeitintensiv, es wurde nur zögerlich automatisiert.

Ja, heute handelt und denkt man im Vergleich zu früher viel stärker dienstleistungsorientiert und versucht, die Prozesse zu automatisieren, soweit es möglich ist. Was zudem prägend war früher, war der Druck des Kursbuches. Das war immer etwas sehr Grosses. In Erinnerung ist mir dazu eine Episode, als eine Lernende auf dem Weg in die Druckerei mit einem Wagen über eine Schwelle stolperte und das ganze Blei von 32 Seiten Fahrplan im Status Gut zum Druck durcheinander auf dem Boden lag. Für eine Seite rechnete man rund acht Stunden Arbeit. Diese Geschichte wurde über Jahre immer wieder erzählt.