Der Fluss des Lebens

20.06.2017
02/2017

Herr Baumgartner, Ihre Frau, die Künstlerin Hilda Staub, ist vor zwei ­Jahren gestorben. Sie arbeiten nun mit einem Team von vier Personen an einer Monografie über das künstlerische Schaffen Ihrer Frau. Wie sind Sie dieses Projekt angegangen? 

Meine Frau wollte seit längerer Zeit ein Buch über ihr Werk machen. Leider ist es wegen ihrer Krankheit nicht mehr dazu gekommen. Diesen Wunsch möchte ich ihr gerne auch nach ihrem Tod erfüllen. Als Grundlage dafür wird ihr gesamtes Werk fotografisch dokumentiert.

Wie ist das Projektteam entstanden?

Die vier Frauen des Teams haben Hilda eine gewisse Zeit auf ihrem künstlerischen Weg begleitet und sind alle im kulturellen Bereich tätig. Nach Hildas Tod hat sich das Team fast wie von selbst ergeben. Alle sind hoch motiviert und überzeugt, dass Hildas Werk erhalten bleiben muss.

Ihr Beruf ist Kinderarzt und nicht Künstler – wie fühlen Sie sich bei der Arbeit an der Monografie?

Hilda war immer schon künstlerisch tätig, und ich habe sie all die Jahre darin begleitet und unterstützt. Zudem habe ich viele ihrer Arbeiten, vor allem die Installationen und die Objekte, fotografisch dokumentiert. Die Arbeit an der Monografie ist die Fortsetzung davon und gibt mir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Zeit nochmals zu erleben. Wir bemühen uns, das Buch nach Hildas Vorstellungen zu gestalten. 

Was würde Ihre Frau dazu sagen?

Sie würde sich sicher darüber freuen und selber staunen, was für ein grosses und vielseitiges Werk sie geschaffen hat.

Was entstehen in Ihnen für Bilder, wenn man vom Fluss des Lebens spricht? 

Der Fluss ist ja nur ein Teil des immerwährenden Kreislaufs des Wassers, das auch noch als See, Meer, Ozean, als Wellen, Wolken, Dampf, Regen, Schnee und Eis erscheint. Das gleichmässige Fliessen des Wassers von der Quelle über den Bach und Fluss bis zum Strom kann ein Bild sein für ein ungestörtes, ruhiges Leben. Aber es gibt auch Trockenheit, Überschwemmungen, Hagel, Verwüstungen, und es gibt die Gezeiten mit Ebbe und Flut. Von sanft, lieblich und idyllisch bis zu bedrohlich, zerstörerisch und vernichtend gehören alle Variationen dazu. Das macht den Fluss des Lebens aus.

Können Sie den Fluss des Lebens Ihrer Frau beschreiben?

Auch wenn Hildas Leben äusserlich gesehen geordnet verlaufen ist, gab es viele Umwege, Hindernisse, Rückschläge, Zweifel, Enttäuschungen und gesundheitliche Probleme. In der Kunst hat sie ihren Weg gefunden, den sie mit Begeisterung, Leidenschaft und grosser Konsequenz gegangen ist.

Wie sehen Sie die Beziehung Ihrer Frau zur Natur?

Hilda war durch ihre ländliche Herkunft von klein an mit der Natur verbunden. Sie erfuhr sie als eine Welt voller Geheimnisse, voller Poesie, voller Überraschungen, im Kleinen wie im Grossen. Der stetige Wechsel der Jahreszeiten mit dem Werden und Vergehen prägte sie und zeigte ihr die eigene Vergänglichkeit auf, mit der sie sich zeitlebens beschäftigt hatte. Tiere und Pflanzen waren für sie Lebewesen, die nur mit Zuwendung und Liebe existieren können. Ein tiefes Mitgefühl für alles Lebende bewegte sie.

Welche Inspirationsquelle war neben der Natur von Bedeutung für Hilda Staub?

Hilda ging leidenschaftlich gern auf Reisen, vor allem in südliche und fernöstliche Länder. Ihre Eindrücke hat sie in zahlreichen Skizzenbüchern festgehalten. Sie inspirierten sie bei ihrer Arbeit zu Hause im Atelier.

Was hat Ihre Frau am meisten an- und vielleicht auch umgetrieben?

Hilda war sehr sensibel und einfühlsam. Alles Lebendige in der Natur und in den Menschen hat sie tief berührt. So hat sie auch sehr darunter gelitten, wenn sie sah, dass Menschen, Tiere und Pflanzen schlecht behandelt wurden. Wo sie konnte, setzte sie sich für die Schwachen und Ausgegrenzten ein.

Gibt es ein Werk Ihrer Frau, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Es gibt sehr viele Werke, die mir nahe sind, darunter die Fluglinie über der Aare, aber auch viele «kleine» Arbeiten. Hilda hat auch meine Kinderarztpraxis künstlerisch mitgeprägt, und ich bin täglich von ihren Arbeiten umgeben. Besonders berührt mich ihr Bild «e la nave va …», das sie mir zur Eröffnung meiner Praxis geschenkt hatte. 


Monografie

Im September 2017 ist eine Ausstellung mit Hilda Staubs Arbeiten geplant, in die auch die Buchvernissage integriert werden soll. Gleichzeitig ist eine neue Website in Arbeit, die das Werk umfassend zeigt. Christoph Baumgartner (Hrsg.) Hilda Staub. Welche Farbe hat der Tag? Ca. 144 Seiten, gebunden, reich bebildert 978-3-7272-7934-8, CHF 49.– / EUR 49,– Erscheint im September 2017