Der Autor: Prof. Dr. Martin Killias

20.09.2005
03/2005
  • Porträt

Seit 23 Jahren unterrichtet Martin Killias an der Universität Lau­sanne. An sich ein Ostschweizer – in Zürich aufgewachsen, doch durch die Familie mit dem romanischen Vorderrheintal und dessen Sprache verbunden –, hat er den Sprung über die Sprachgrenze nach einem zweijährigen Aufenthalt in den USA geschafft. Nach dem Studium der Soziologie und Sozial­psychologie sowie der Rechte an der Universität Zürich startete er 1980 zu einem Aufenthalt als «postdoc» an der University of Albany, die damals so etwas wie ein Mekka der Kriminologie war.

Den Anstoss dazu erhielt er als ehe­maliger Assistent eines amerikanischen Hochschullehrers, der einige Jahre zuvor in die Schweiz gekommen war, um die Hintergründe der hierzulande damals so tiefen Kriminalitätsraten zu erforschen. Einmal in Albany, der Hauptstadt des Staates New York, angekommen, haben er und seine Frau sich ganz auf ein Leben in jenem Land ein­gerichtet, dies auch wegen der fehlenden Perspektive für wissenschaftliche Nachwuchskräfte in der Schweiz. Doch ein Inserat in der Schweizerischen Juristenzeitung, in welchem die Universität Lausanne jemanden für das Fach Kriminologie suchte, hat diese Pläne umgestossen. Ohne Beziehungen zu Lausanne und nur mit Schulfranzösisch ausgestattet, war er von jener Berufung freudig überrascht. In Amerika fehlten ihm Wanderwege, Bahnen und vor allem die Möglichkeit, für die Kinder zu Hause einen kleinen Zoo einzurichten. Da es sich damals noch um eine 40-Prozent-Professur handelte, war er froh, dank Anwaltspatent als Sekretär am Bundesgericht unterzukommen, in wel­ches er 1984 als nebenamtlicher Richter gewählt wurde. Seit seiner Wahl zum Ordinarius im Jahre 1986 vertritt er neben der Krimi­nologie das Strafrecht, an dessen Weiterentwicklung er am Kassa­tionshof mitbeteiligt ist. 1996 kam ein Lehrauftrag für Kriminologie an der Univer­sität Zürich dazu.

An der Universität Lausanne besteht seit 1909 ein Institut für Kriminalistik, das seit 1986 ebenfalls unter neuer Leitung eine grosse Dynamik entfaltet. Zusammen mit diesem Institut bildet das Institut für Kriminologie und Strafrecht die Ecole des sciences criminelles, was bei rund 50 festen Mitarbeitenden, davon 20 in Kriminologie und Strafrecht, Synergieeffekte hervorbringt, die auch der internationalen Ausstrahlung förderlich sind. Gemessen an der Zahl der Nachweise in den Criminal Justice Abstracts, in welche weltweit fast alle relevanten Forschungen auf diesem Gebiet Eingang finden, nimmt die Ecole des sciences criminelles innerhalb Kontinental­europas einen Spitzenplatz ein. Dass Martin Killias 2001 der Sellin-Glueck-Preis der Amerikanischen Gesellschaft für Kriminologie verliehen wurde, den bis dahin fast nur Forscher aus dem angelsächsischen Raum erhalten hatten, ist daher auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

Die Themen der in Lausanne durchgeführten Forschungen sind vielfältig. Immerhin dominiert klar eine international vergleichende Perspektive. Killias war Mitinitiant der Internationalen Opferbefragungen, die seit 1989 – derzeit in rund 70 Ländern – stattfinden, der internationalen Befragungen zur Jugenddelinquenz und neuerdings einer internationalen Studie zur Ge­walt gegen Frauen. Dazu kommt das European Sourcebook of ­Crime and Criminal Justice Statistics, das in mancher Hinsicht sein «Baby» geblieben ist. International beachtet wurden innovative Eva­luationen (kontrollierte Experimente), etwa zur Heroinverschreibung, zur gemeinnützigen Arbeit und zum elektronischen Hausarrest, als deren Folge das Lausanner Institut an der Campbell Collaboration beteiligt ist und Experimente im Bereich von Kriminalität und Strafvollzug weltweit zu fördern versucht.

Im Rückblick bereut Martin Killias nicht, 1982 in die Schweiz zurückgekehrt zu sein. Wohl wäre er, wie einer seiner nunmehr promi­nenten Albany-Gefährten meinte, heute in den USA möglicherweise bekannter, doch hätte er, der sechs Sprachen spricht, dort das vielsprachige Umfeld vermisst, in dem er sich in Europa so oft nützlich machen konnte. Besonders am Herzen lag ihm die European Society of Criminology, an deren Gründung er als erster Vorsitzender beteiligt war. Seiner Ansicht nach war all dies nur möglich, weil er sich beruflich fast immer in einem fremdsprachigen Umfeld zu bewähren hatte.

Mit dem Stämpfli Verlag ist Martin Killias als Autor von vier Stämpfli-Büchern seit bald zwanzig Jahren verbunden. Im Laufe dieser Zeit ist daraus weit mehr als nur eine Geschäftsbeziehung geworden. Dankbar denkt er an die Zeiten von Klaus Zeller und vor ­allem an Dr. Jakob Stämpfli zurück, der ihn damals in sein «Sortiment» aufgenommen und in den ersten Jahren mit grosser Fürsorge begleitet hat.